0.01 Über das Projekt: »Alternative Schulgrammatik«

Aus Alternativ-Grammatik
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Zwei Impulse bilden die Grundlage des Projektes »Alternative Schulgrammatik«:

(1) Die breit bezeugte Unlust von Schülern (und oft auch Lehrern)
    angesichts von Grammatikthemen.
(2) Die Beobachtung, dass das, was den Schülern beigebracht werden soll,
    häufig eine Zumutung an die Alltagslogik darstellt, häufig auch
    nichts mit dem zu tun hat, was auf wissenschaftlicher Ebene an
    Einsichten bereitliegt.

Zwei Ziele - einmal positiv, einmal negativ - können formuliert werden:

(1) positiv: Durch diese Art von Grammatik soll jede/r seine
    Art von Sprachverwendung, Teilnahme an Kommunikationen bewusster
    gestalten können. Dadurch wird  er/sie besser verstanden werden,
    aber auch mehr Zwischen- und Untertöne bei anderen entdecken.
 
(2) negativ: Es wird nicht angestrebt, die TeilnehmerInnen
    einer stilistischen Norm näherzubringen, z.B. Hochsprache.
    Jede/r soll reden, wie es ihm/ihr passend erscheint. Allerdings
    wird mehr Bewusstheit - vgl. Punkt (1) - dann doch zu manchen
    Veränderungen führen. Grundsätzlich gilt aber: jede Art zu
    sprechen widerspiegelt auch die geistige Prägung/Herkunft des/r
    Sprechenden.
    Würde man alle zwingen, eine einheitliche Norm zu praktizieren -
    Hochsprache -, so käme das einer Nivellierung und Entindivi-
    dualisierung gleich. 

»Alternative Schulgrammatik« heißt somit: es wird versucht, ein stark umstrukturiertes, mit besseren Definitionen ausgestattetes und mit größerem Horizont versehenes Grammatikkonzept zu entwickeln. Die Annahme ist: wenn SchülerInnen rational besser mit der Thematik zurechtkommen, dürfte auch ihr Sprachverständnis, ihr kommunikatives Verhalten, letztlich auch ihr Interesse am Fach sich steigern.


Da »Sprachwissenschaft« beileibe nicht einheitlich ist – der Eindruck von Einheitlichkeit soll von Anfang an nicht unterstellt werden –, heißt »Alternative Schulgrammatik« auch: man folgt einem Strang, einer Sichtweise, folgt den Anwendungen, Konkretisierungen, die eine Person (H. SCHWEIZER) sich zurechtgelegt hat. Allerdings: in qualitativer und quantitativer Hinsicht gibt es reichlich Absicherungen.

Rückmeldungen/Anregungen/Kritik usw. sind sehr erwünscht - auch wenn Sie noch den Eindruck haben sollten, sie sei vielleicht noch unausgegoren. Lassen Sie sich davon nicht abhalten zu schreiben an:

harald.schweizer@uni-tuebingen.de

Es wäre schön, wenn nicht nur über Sprache/Kommunikation nachgedacht, sondern Kommunikation auch intern praktiziert würde.


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Eine mehrfach an Übungen teilnehmende Studentin entwarf und verteilte folgendes Plakat, um für die "Alternativ-Grammatik" zu werben: Plakat zur Alternativ-Grammatik (Dabei griff sie auf eine Umfrage unter Philologie-Studierenden zurück: Höchst beachtlich, wieviele davon "Konjunktion" mit "Konjunktur" verwechselten. Es besteht also Handlungsbedarf ...)

Ausdrucke und Verteilung sind nicht nur erlaubt, sondern erwünscht!

0. Nachträge zur Theorie

0.1 Für philosophisch Versierte

Im PDF-Text (s.o.) gibt es einen kleinen Ausblick in geistesgeschichtlich-philosophische Zusammenhänge. Der ließe sich uferlos erweitern, was aber nicht unsere Absicht ist... Aber auf eine weitere Vertiefungsmöglichkeit sei hingewiesen: Das Universalienproblem. In kleinerem Maßstab gehen wir auch selbst darauf ein: [1]. - Philosophen haben natürlich immer schon darüber nachgedacht, wie das

Verhältnis von Wirklichkeit und Denken zu bestimmen sei.

Wir als Grammatiker registrieren: Häufig wurde bei der Verhältnisbestimmung übersehen, dass die Aufgabenstellung etwas anders lautet, nämlich:

Verhältnis von Wirklichkeit, Sprache und Denken.

Sprache in dieser Verhältnisbestimmung wurde erst in der Neuzeit wirklich zum Thema gemacht, dabei allerdings Impulse aus dem Mittelalter (Nominalismus) aufgreifend. Allerdings hatte diese mittelalterliche Richtung - Fransziskaner um Duns Scotus, Wilhelm von Ockham - das Pech, den Dominikanern um Thomas von Aquin zu unterliegen. Kirchlich (und zunächst auch kulturell) bestimmend wurden letztere. Längerfristig zukunftsträchtig erwiesen sich erstere.

Es wirkt nämlich paradox, in sprachlicher Form nur über 'Wirklichkeit' und 'Denken' nachzudenken, den Eigenbeitrag, das Funktionieren der Sprache aber zu übersehen. Dürfte man das so beibehalten, wäre jede Grammatik überflüssig - zwar eine schöne Vision, aber keine praxistaugliche.

0.2 Digitale Grammatik ?

Eine solche Bedeutungsgruppe klingt für viele anpasserisch und aufgedonnert. Aber man kann durch einige Aspekte Sinnvolles auch für die Grammatik natürlicher Sprachen ableiten - und zugleich deren Reformbedarf sichtbar machen:

  1. Digital heißt in der Computerwelt: "Präzision". Entweder zwei Elemente sind identisch oder eben nicht. - 'Großzügigkeit, ungefähre Angaben' muss man den Computern erst nachträglich beibringen. Primär ist, dass sie auf der Basis der klaren Unterscheidung von "Ja | Nein" arbeiten, oder computertechnisch gesagt: es wird nur mit den Elementen "0 | 1" gearbeitet.
  2. Bei der Grammatik natürlicher Sprachen würde diese Denkweise heißen: klar unterschiedene Untersuchungsebenen, sauber definierte Begriffe.
    1. Wenn sprachtheoretisch die Ausdrucksseite von der Bedeutungsseite zu unterscheiden ist, dann kann die Weiche gestellt werden: will ich die erstere beschreiben, oder etwas zu den daran haftenden Bedeutungen sagen? Eine verschwiemelte Mixtur, wie sie für Standardgrammatiken natürlicher Sprachen typisch ist, entfällt.
    2. Das bedeutet: das Begriffsraster, das für die Bedeutungsseite benötigt wird - in der Semantik eingeführt -, muss elaboriert, also gut, insofern auch: digital - definiert sein; als 'Belohnung' kann man sehen, dass es für viele Sprachen verwendet werden kann. Es ist nicht exklusiv mit der Einzelsprache verquickt. - Einen Subjonctiv, den man im Französischen kennt, nicht aber im Deutschen, gibt es hierbei nicht.
    3. Was nur für die Einzelsprache gilt, das sind die Erkenntnisse zur Ausdrucksseite - bei uns behandelt unter (Ausdrucks-)SYNTAX. Ihre Beschreibung kann nun präziser und zugleich schlanker ausfallen als bei der bislang üblichen Hinzunahme schon von Bedeutungsfunktionen. - Hier liegt für die meisten die größte Zumutung: Sie müssen klar und eindeutig von ihrem bisher geltenden "Syntax"-Verständnis (= Satzlehre) abrücken. - Es geht hier nicht um die Frage der 'Wahrheit', sondern: in neuem terminologischem Rahmen bekommt "Syntax" eine neue Zuständigkeit. - Die Standardgrammatik, die nichts von elaborierter 'Semantik/Pragmatik' wusste, konnte ihrem 'Syntax'-Verständnis mehr Spielraum geben.
    4. Bei der Ausdrucksseite - Ebene Syntax - ist der digitale Ansatz am schnellsten und offenkundigsten zu erkennen: zwei Ketten von Schriftzeichen sind verschieden, wenn auch nur ein Element differiert. - Es gibt hier keinen Bonus und kein Auge-Zudrücken. /rum/ und /ruhm/ sind nun mal verschieden. Dass beide, nahezu identischen Wortformen vollkommen Verschiedenes bedeuten, interessiert hier noch nicht.
  3. Auch bei natürlicher Sprache kann nachträglich, d.h. in einer zweiten Runde, durch Hinzunahme weiterer Beschreibungsaspekte, also in der Pragmatik, der Rahmen der bisherigen Ergebnisse entfaltet, ihr Stellenwert, ihre Funktion, besser sichtbar gemacht werden.