0.11 Nicht behandelt, aber möglich: Textgeschichte

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Die Alternativ-Grammatik muss sich beschränken, aber der Sprachunterricht an der Schule auch. Daher werden Fragen der Textgeschichte hier nur kurz angerissen. Es gibt aber einige Bereiche - im PDF genannt -, die man wenigstens begrifflich unterscheiden und mit der interessierenden Fragestellung verbinden können sollte.

"Konstituierung des Textes" wäre das Stichwort: Kein Text, auch kein sogenannter "heiliger", ist vom Himmel gefallen, sondern produziert worden. Es klingt nur respektlos, ist es aber nicht, wenn man sagt: jeder Text sei ein Machwerk. Die alten Griechen haben das auch schon so gesehen: Poiesis = Poesie heißt auch nichts anderes als Machwerk, etwas Gemachtes.

Ein solcher, von einem Autor an konkretem Ort, zu bestimmter Zeit gemachter Text kann dann allen möglichen Zufälligkeiten, auch Fehlerquellen ausgesetzt gewesen sein, bis er - manchmal über lange Zeit hinweg - uns zur Verfügung stand. Diese Fragen sollte man wenigstens mal streifen.


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Praxis

0. Nachträge zur Theorie

0.1 Grundprinzip der Methode

Textveränderungen - wie nachfolgend dargestellt - wollen zunächst einmal nachgewiesen, erkannt sein. Sie müssen 'gerichtsfest' sein (im Fall von "Plagiaten"), müssen im Kontext der Wissenschaft 'überzeugend, zwingend' sein, so dass 'man' fortan von dieser Erkenntnis auszugehen hat.

Für die, die das interessiert, seien zwei weiterführende Verweise genannt.

[1]
Was darin genannt ist, weist noch keine
Brüche nach, ist aber eine entscheidende
Voraussetzung in jenem Beweisverfahren.
Nämlich so: treten an einer Stelle
(eines Textes, eines Bauwerks ...)
mehrere derartiger Überraschungen auf,
so kann dies nicht mehr als stilistische
Raffinesse gewertet werden, sondern als
Eingriff eines fremden Autors / Baumeisters.
Folglich liegt die Nahtstelle zu einer nach-
träglichen Erweiterung vor, die nicht zum
ursprünglichen Kunstwerk gehört.
Wer bei der alttestamentlichen Josefsge-
schichte eine Illustration anschauen
will, betrachte zunächst: [2]
Darin liest man den Text, wie er in
unseren Bibeln steht. Aber es sind -
noch nicht als Beweis, sondern nur als
Behauptung - die Nahtstellen ein-
getragen, wo nicht-zusammen-gehörige
Partien aufeinanderstoßen.
Schon flüchtig sieht man: der Text
schleppt viele Überarbeitungen mit sich
herum.
[3]
an einem kleinen Ausschnitt vom Textanfang
wird illustriert, wie die Methode genau
vorgeht. Grundprinzip: an einer Text-
stelle müssen mehrere solcher Auffällig-
keiten zusammenkommen.

In der Geschichte von Bauwerken ist dieses methodische Denken schon längst im Gebrauch. Ein romanisches Kirchenportal (Westseite), das in der Gotik verbreitert und erhöht worden war, weist Nahtstellen auf, an denen eben später weitergebaut wurde. - Berühmt ist die Nahtstelle am Jerusalemer Tempel. Der stand schon knapp 500 Jahre, mit mächtigen Stützmauern gegen das angrenzende Tal, um oben ein schönes Plateau = Platz zu ermöglichen. Herodes dem Großen war der freie Tempelvorhof jedoch zu klein. Folglich ließ er - noch mehr Richtung Tal - die Tempelmauern erweitern. Insgesamt ein gewaltiger Anbau - nur damit oben der Tempelvorhof = freier Platz etwas üppiger ausfalle. Die Nahtstelle, an der altes Gemäuer = Stützmauer Richtung Tal (um 500 v. Chr.) und neues = Erweiterung der Stützmauer (40 v. Chr.) aufeinander stoßen, sieht man heute noch. Alle handwerkliche Sorgfalt konnte die Andockstelle nicht komplett verwischen, legte vielleicht auch keinen Wert darauf. Primär wichtig war die Weiterführung der bestehenden Stützmauer in vergleichbarem Stil, und natürlich: dass die Statik = Stützfunktion stimmte. Alles andere lief eher unter 'Kosmetik', konnte also übergangen werden.

0.2 Andere Medien

Fotografie: Schon im analogen Zeitalter gab es die Praxis der Retouchierung. Erst recht im Zeitalter der Digitalisierung. Bildbearbeitung heißt das jetzt.

Der Fotograf sollte für eine Wahlkampfbro-
schüre Porträts der KandidatInnen produzieren.
Eine Kandidatin tröstete er: "Über die Haut
gehe ich hinterher noch drüber!" Die Dame:
"In meinem Alter stehen mir ein paar Fältchen
zu!" Daraufhin versprach der Fotograf, von
seinen 'Verbesserungsversuchen' abzulassen.

Nachträgliche Veränderungen/Vertuschungen - so ist zu unterstellen - haben immer heftige Emotionen, Beschuldigungen, Rechtfertigungs- oder Glorfizierungsversuche, u.ä. als Motiv im Hintergrund. Die Öffentlichkeit soll nicht informiert, sondern getäuscht werden. Und jeweils stellt sich die Frage, wie mit penibler Methodik solche nachträglichen Eingriffe zweifelsfrei aufgedeckt werden können. - Das gelang bei Bildern und dem Streit über den Urheber des Flugzeugabschusses über der Ukraine: [4] und [5]

Wissenschaftlich betrachtet ist es tröstlich, dass bei solchen Korrekturen, Manipulationen, zwangsläufig Brüche, Spuren, Unverträglichkeiten entstehen und - gewiss mit einigem Aufwand - auch nachträglich entdeckt und sichtbar gemacht werden können: der Eingriff in ein ursprünglich stimmiges Gesamtwerk - z.B. Bild oder Text - ist nachweisbar. Die Arbeitsweise der Fälscher steht unter Zeitdruck - von tagesaktuellen strategischen Interessen und von Oberflächlichkeit bestimmt -, die der späteren Detektive verlangt Methodenreflexion, technisches Know how, Zeit und Sorgfalt. Aber die Wahrheit kommt i.d.R. ans Licht.


Musikaufnahmen: Keine Frage, dass die Digitalisierung viele Vorteile in der Praxis bringt. Aber wie steht es um die Qualität der Aufnahmen, um den Hörgenuss?

Zu recht erschwinglichen Preisen kann man
wieder Plattenspieler, auf neuestem Technik-
stand, erwerben, somit alte Plattensamm-
lungen reaktivieren.
Der Vergleich der Platte mit der CD scheint
zugunsten der analogen Platte auszugehen.
Da dieses Urteil von mehreren abgegeben
wurde, muss es einen technisch benennbaren
Grund geben:
    Bei der CD sind ab einem bestimmten,
vorher künstlich festgelegten level die
hohen Frequenzen abgeschnitten. Würde dies
nicht getan, würde also der gleiche unge-
filterte Frequenzbereich wie bei der analo-
gen Schallplatte digital gespeichert,
wäre die CD viel zu klein, bzw. auf der
CD hätten viel zu wenige Musikaufnamen
Platz.
- Manche praktische Vorteile im handling,
für die man die CD lobt, wären futsch.
Erkauft wird dies durch eine Minderung der
Tonqualität.

In beiden Fällen unterliegt eine Aufnahme der nachträglichen Bearbeitung. Die vermeintliche 'Verbesserung' entpuppt sich als 'Verschlechterung'. Fremde Interessen werden berücksichtigt, die das eigentliche Objekt (Bild, Musik) aber verfremden, künstlich modellieren, vom live-Eindruck abbringen. - Insofern durchaus vergleichbar mit dem Wirken von Redaktoren (s.o.), die einen schon vorliegenden Text nicht nur auf handwerkliche (z.B. orthografische) Fehler hin korrigieren, sondern ihn auch in fremde Rahmenbedingungen und Interessen einpassen.

0.3 "historisch-kritisch"

In einer Oberstufe sollte man das Etikett behandeln und den SchülerInnen als Begriffsklärung mit auf den Weg geben. Verführerisch und scheinbar klar ist dabei der Bestandteil "historisch". Und "kritisch" - nun ja, das will man ohnehin sein. - Damit aber kommt man bei dieser Begriffszusammensetzung nicht weiter. Vielmehr:

  1. "historisch" kann bei einem Text Verschiedenes bedeuten:
    1. Den Wahrheitsgehalt dessen, was der Text inhaltlich mitteilt: Was sprachlich übermittelt wird, ist so auch geschehen - so wird häufig dumpf unterstellt! Dabei müsste es allerdings möglich sein, die Textaussage auch auf anderen Wegen zu stützen. "historisch" in diesem Verständnis bezieht sich also unreflektiert auf die Textinhalte, arbeitet mit der Gleichung: Sprache = Wirklichkeit und übersieht den sprachlichen Charakter, ist somit - kurz gesagt - inakzeptabel naiv.
    2. Man hat einen Text mit seinen - das wird zugestanden - fiktionalen Inhalten und stellt sich nun vor, in welcher geschichtlichen Situation - die man dann natürlich aus anderen Quellen kennen muss - es vorstellbar und sinnvoll ist, einen derartigen Text zu erzählen, zu verbreiten - welche Interessen dabei mitspielen.
    3. "historisch" bezieht sich - zuerst und nur in der Zusammensetzung mit kritisch - auf die geschriebene Version. Bei alten Texten hatte es schon hunderte Abschriften, Drucke, Übersetzungen usw. gegeben, bis dem Leser heute der Text zu Gesicht kam. "historisch-kritisch" fragt also, ob die heutige Textversion noch der alten, ursprünglichen entspricht, ob es Veränderungen in der Zwischenzeit gegeben hatte. - Vielleicht hatte ein Abschreiber in einem mittelalterlichen Kloster eine intakte Textvorlage vor sich, in einer anderen Gegend ein anderer Schreiber jedoch nur eine von Mäusen zerfressene oder durch Wasserschäden teilweise zerstörte. Folglich hat letzterer sich ausgedacht, was in der Manuskript-Lücke wohl einmal gestanden haben könnte. Ergebnis: Es gibt zwei Überlieferungsstränge des gleichen Textes. Nun liegen aber zwei Varianten vor. - Es ist Aufgabe "historisch-kritischer" Forschung, begründet festzustellen, welche Variante die "echte", welche dagegen die "verschlimmbesserte" ist.
  2. "kritisch" heißt natürlich: die Fragestellung unter 1.3 wird mit Argumenten, Indizien, Messungen usw. angegangen, nicht mit Mutmaßungen, wohlwollenden Unterstellungen und bloßen Meinungen.

Fazit: Nur Punkt 1.3 ist mit "historisch-kritisch" gemeint, nicht jedoch die Korrektheit der übermittelten Textaussagen und Textbedeutungen (belegt durch weitere Texte und Erkenntnisse). Es geht um die materielle Schiene der Textüberlieferung - um eine real zugängliche Handschrift oder einen Druck, Inschriften in Holz oder Stein usw. (Ein zusätzlicher Punkt ist die Frage, ob der alte Text in einem früheren Stadium redaktionelle Überarbeitungen erfahren hat: ab da dann vielleicht schreibtechnisch akzeptabel überliefert, aber inzwischen durch physische Eingriffe inhaltlich korrigiert.)

Bei Texten mit einer schon längeren Geschichte - Texte aus der Antike dienen hier nur als Exempel - können somit zwei Stufen unterschieden werden.

  • Im uns heute zugänglichen Text kann es Indizien geben, die zeigen, dass dieser Text nicht aus einem stilistisch-inhaltlichen Guss ist, so dass man annehmen kann/muss: eine Erstgestalt des Gedankenflusses wurde nachträglich überarbeitet - das kann mit Abstand vom Originalautor selbst durchgeführt worden sein, oft aber auch von anderen, späteren Schreibern - Redaktoren, Kompilatoren, Zensoren usw. Die einfachste Art solcher nachträglicher Korrekturen sind Text-Zusätze, also Einfügung von fremdem Textmaterial. Aber auch Kürzungen, Umstellungen sind möglich.
  • Eigenständig ist die Frage, welche Zeugnisse, Belege (Handschriften, Drucke, Inschriften) stehen uns von diesem einen Text zur Verfügung? Kann man sie jeweils gut datieren? Wie war die jeweilige Entstehungssituation? Gibt es verschiedene Überlieferungsstränge? usw. Im Gegensatz zum vorigen Punkt interessiert jetzt die materielle Überlieferungskette durch die Zeiten hindurch.

Auf beide Aspekte, die gedanklich und praktisch gut unterschieden werden können, wenden wir den Begriff des Linguisten Plett an, der vom Textbildungsprozess sprach. Als Beispiel: Schaut man genauer hin, kann man nicht mehr naiv von der "Josefsgeschichte" sprechen. Dieser Text - gleichgültig was er fiktional erzählt - hat eine äußerst bewegte und schwierige Geschichte als Text hinter sich.


0.4 Archiv-Arbeit

Auszüge aus einem Artikel - SWP 18.10.2014 - über die Arbeit des Kirchenhistorikers H. Wolf in den Vatikanischen Archiven.

"Der Lesesaal im ersten Stock des Geheimarchivs mit
seiner spitzbogigen Decke ist hell und hat nichts
von unterirdischen Verliesen und Geheimnistuerei,
wie Dan-Brown-Krimis ihre Leser glauben machen.
Hier arbeitet Wolf gemeinsam mit seinen Mitar-
beitern an einer Online-Edition der Dokumente des
Vatikanbotschafters im Deutschen Reich zwischen
1917 und 1929, Eugenio Pacelli, des späteren Pap-
stes Pius XII. 'Man spürt wirklich, wie schlecht
das Papier am Beginn des 20. Jahrhunderts war,
zum Beispiel wenn es beidseitig mit Tinte beschrie-
ben war', sagt Wolf ...
    Ein Teil der Bestände des Geheimarchivs ist
bereits digitalisiert, doch der Kirchenhistoriker
arbeitet ausschließlich an Originaldokumenten. Jede
einzelne Schachtel enthält 1000 Blatt. Insgesamt
verfasste Pacelli in seiner zwölfjährigen Amtszeit
als Nuntius mehr als 6000 Seiten. 'So eine dichte
Beschreibung der Vorgänge in Deutschland gibt es
sonst nirgends', erklärt Wolf.
    Ihn interessiert dabei insbesondere, anhand der
Entwürfe, die Entstehungsgeschichte der einzelnen
Dokumente zu verfolgen. Den Bericht über seine Be-
gegnung mit Kaiser Wilhelm II. änderte der spätere
Papst immer wieder um, bevor er ihn nach Rom
schickte. 'So kann man gut sehen, was er eigentlich
spontan dachte und was er weichspülte, damit es
einem abgewogenen Nuntiaturbericht entsprach, wie
man es von einem distinguierten Diplomaten erwarte-
te.' Die Berichte der ersten sechs Jahre von
Pacellis Amtszeit als Vatikanbotschafter sind
bereits online unter [www.pacelli-edition.de] im
Internet einzusehen. 
    Obwohl er in seinem letzten Buch damalige gravie-
rende Missstände in der Kirche aufdeckte, genießt
H.W. weiterhin freien Zugang zu vatikanischen Archi-
ven. 'Wenn der Papst einmal entschieden hat, Quellen
zugänglich zu machen, dann sind sie zugänglich', sagt
W. lapidar. Zensur werde nicht ausgeübt.
    Wie alle anderen Nutzer des Geheimarchivs dürfen
W. und seine Mitarbeiter keine Mobiltelefone benutzen
und keine Notizen auf den konsultierten Akten machen.
Respekt vor der Heiligkeit des Ortes ist hier auch
durch angemesssene Kleidung zu demonstrieren.
    Wer sich richtig ausweisen kann und sich an
solche Grundregeln hält, erhält Einsicht in reiche
Aktenbestände aus acht Jahrhunderten. Auf insgesamt
rund 85 Kilometern Regalen bewahrt das Archiv alle
vom Heiligen Stuhl verfassten Gesetze sowie dessen
diplomatische Korrespondenz seit dem 13. Jahrhundert
auf. Die auf Papyrusrollen verfassten älteren Doku-
mente gingen wegen mangelnder Haltbarkeit des
Materials und mehrfacher Umzüge in den Wirren der
mittelalterlichen Kirchengeschichte größtenteils
verloren.
    In einem säuberlich gepflegten Aktenband in
einem der vielen eng stehenden Metallregale finden
sich so bedeutende Dokumente wie die Androhung der
Exkommunikation für Martin Luther von Papst Leo X.
Darin verurteilt der Papst Luthers berühmte 41 Aus-
sagen über Rechtfertigung, Gnade und die Hierarchie
der Kirche, die aus damaliger Sicht der Kirchenfüh-
rung auf Irrtümern beruhten. Im gleichen Register-
band befindet sich die Exkommunikation selbst, die
ein Jahr später, 1521, erfolgte. ...
    Zu den Schätzen des Archivs gehören Schreiben
von Michelangelo im Zusammenhang mit dem Bau des
Petersdoms ebenso wie ein Dokument über eine Papst-
ehrung für den jungen Mozart. Im Alter von nur 13
Jahren hatte er während einer Italienreise mit
seinem Vater ein Chormusikstück in der Sixtini-
schen Kapelle gehört, das er danach fast fehler-
frei niederschrieb. Im Geheimarchiv wird seitdem
eine Kopie des Dokuments in Form eines päpstlichen
Breves aufbewahrt, mit dem Klemens XIV. ihm 1770
in einer Privataudienz den Ritterorden vom 'Gol-
denen Sporn' verlieh.
    Geheim bedeutet im Namen des Archivs schlicht,
dass es sich dabei um ein persönliches Archiv han-
delt, über welches derjenige entscheidet, dem es
gehört, in diesem Fall der Papst. Offizielle Fristen
für die Öffnung einzelner Bestände gibt es nicht,
die Päpste entscheiden frei darüber. Allerdings
müssen die Akten für die Konsultierung registriert
und teils restauriert werden. Das erfordert ange-
sichts der Masse an Dokumenten einen hohen Perso-
nalaufwand ...

0.5 Immanuel Kant

... bemühte sich, das Werk seines ehemaligen Studenten Herder ("Älteste Urkunde des Menschengeschlechts") zu erhalten.

"...1774 schrieb er an Hamann und bat um Hilfe zum
Verstehen des Werkes, in dem es um das erste Buch
Mose und seine Vorläufer in Ägypten ging. Er war sich
nicht sicher, ob er begreife, worum es Herder ging,
und er bat Hamann, sich zu seiner Interpretation zu
äußern, 'aber wo möglich in der Sprache der Menschen.
Denn ich armer Erdensohn bin zu der Göttersprache der
anschauenden Vernunft garnicht organisiert. Was
man mir aus den gemeinten Begriffen nach logischer
Regel vorbuchstabieren kann das erreiche ich noch wohl.
Auch verlange ich nichts weiter als das Thema des
Verfassers zu verstehen denn es in seiner ganzen Würde
und Evidenz zu erkennen ist nicht eine Sache, worauf
ich Anspruch mache.' Ironie beiseite: Kant war wirk-
lich interessiert. Hamann tat ihm den Gefallen und
antwortete gleich am nächsten Tag. Das Buch enthielt
vier Hauptaussagen: 1) Die Geschichte des Anfangs der
Welt, das heißt, 'die älteste Urkunde', ist kein
Text, der ursprünglich von Mose verfaßt worden wäre.
Sie leitet sich von den Vorvätern der Menschheit her.
2) Sie ist nicht bloß als Dichtung zu verstehen. Sie
ist zuverlässiger und echter als das gewöhnlichste
physikalische Experiment. 3) Sie ist der Schlüssel zu
allen Geheimnissen der Zivilisation und der zureichen-
de Grund für den Unterschied zwischen Zivilisation
und Barbarei. 4) Um sie zu verstehen müssen wir uns
nur von der modernen Philosophie befreien. Es über-
rascht vielleicht nicht, dass Kant immer noch nicht
verstand. In seinem nächsten Brief fand er Herders
Hauptaussage in der Behauptung, daß Gott den Menschen
die Sprache und zusammen mit ihr die Anfangsgründe
der Wissenschaft gegeben habe. Diese werden im ersten
Buch Mose offenbart. Es ist daher die zuverlässigste
und reinste Urkunde. Aber: 'Welchen Sinn hat diese
Urkunde?' Und wie erkennen wir, dass sie echt und
rein ist? Hamann antwortete noch ein weiteres Mal,
aber er erfüllte Kants Wünsche kaum. Interpretieren
und Verstehen ist Gottes Sache. Um die Natur zu
verstehen, müssen wir Gottes Wort annehmen. ... Kant
hatte keine Antwort für Hamann."

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl. S. 260f)

0.6 Archäologie

Die Ähnlichkeit zur Textarbeit in Fragestellung und Methode ist offenkundig:

Typische Situation: Ein Haus war durch Naturkata-
strofe (z.B. Pompeii) oder durch Krieg zerstört
worden - im Lauf der Zeit überwuchert die Natur das
Gelände, also auch die Überreste. - Wer hier zu
graben beginnt, trifft ein großes Chaos an. Sehr
vieles - um nur darauf zu blicken - im Haus ist zer-
stört und liegt wild zerstreut herum.
Arbeitsweise: Archäologen, müssen 
- den Fundort jeder Scherbe dokumentieren, proto-
  kollieren,
- die Scherbe ist vorsichtig zu reinigen und ein-
  deutig zu nummerieren.
- erst auf dieser Basis kann später versucht werden,
  nach Anschlussstellen zu suchen, also - im Ideal-
  fall - die ursprüngliche Tonvase wieder zusammenzu-
  stellen.

Ein vorliegender alter Text gleicht oft auch einem Schuttberg, dessen viele Fragmente nicht ein 'harmonisches Ganzes' ergeben. Durch dokumentieren, protokollieren, nummerieren ist erst herauszufinden, was 'Original', was jedoch 'spätere Zutat' ist.

0.6.1 Beispiel: Wandbild aus einer Pfahlbausiedlung

6000 Jahre alte Brüste Unterwasserarchäologen entschlüsseln Wandbild aus der Jungsteinzeit - so ist ein Bericht in SWP 21.1.2016 überschrieben. Daraus:

"Auf den ersten Blick wirken die Steinbrocken und
weiblichen Brüste aus bemaltem Lehm, die auf dem
Tisch verteilt sind, für Laien unspektakulär. Die
Archäologen der Dienststelle Hemmenhofen des Landes-
amts für Denkmalpflege hatten ein 'sensationelles
Ergebnis' ihrer Forschungen versprochen, wollten
einen 'Fund von epochaler Bedeutung' präsentieren.
Das sollen diese Bröckchen sein? Sie sind es. Es
handelt sich um die Fragmente eines Wandbildes, das
vor 6000 Jahren im Bodensee untergegangen ist.
   In 20-jähriger Forschungsarbeit haben die Archäo-
logen und Restauratorinnen des Amts anhand von 2000
Fundstücken herausgefunden, dass das Bild eine Ahnen-
reihe zeigt. Eine Reihe von sieben stilisierten
Frauengestalten, teils mit sonnenförmigen Köpfen.
Die Brüste der Frauen sind plastisch hervorgehoben
und mit Brandkalk punktförmig bemalt. Jede Gestalt
trägt einen Gürtel unterschiedlicher Machart. Die
Archäologen deuten die Gestalten als Urahnfrauen. 
...   Er geht sogar soweit, aus der Ahnenreihe die
Gesellschaftsform herauszulesen: 'Das war keine
hierarchische Struktur.' Alle Urmütter des Clans
seien gleich groß, es gebe nicht die eine große
Göttin. 'Das war eine egalitäre Gesellschaft.'
   Gefunden wurden die ersten Stücke des Wandbildes
1989 von Ehrenamtlichen, die nach Stürmen das
Bodensee-Ufer nach archäologischen Fundstücken
absuchten ... Von 1990-1994 bargen Taucharchäolo-
gen im Bereich Ludwigshafen-Seehalde mehr als
2000 Fragmente, die zunächst nicht zusammengesetzt
werden konnten. Erst die Bergung eines größeren
Stücks mit Malerei brachte die Archäologen auf die
richtige Spur. ... Die Fragmente dieses einen
Wandbildes hätten die 6000 Jahre im Seeschlick nur
überstanden, weil das Kulthaus abgebrannt ist.
Dadurch sei der Lehm wie in einem Ofen steinhart
gebrannt worden.[]"


0.7 Stinkefinger? - Umdrehung des Blickwinkels

Nach einer Fernsehdiskussion - März 2015 -, bei der er per Videoschaltung einbezogen war, und in der auch ein Einspieler gezeigt worden war, in dem der griechische Finanzminister Varoufakis den Stinkefinger zeigt, behauptete der Minister, das Video sei nachträglich manipuliert worden. Er habe die Geste nicht benutzt. Vgl. [6]

Methodisch geht es hier also

=> nicht um den Nachweis, ein vorliegendes Original
   (Video) sei nachträglich verändert worden;
=> sondern es steht die Behauptung - aus Sicht deut-
   scher Fernsehschaffender -: was gezeigt worden war,
   entspreche dem Original, es gebe keine Indizien für
   Manipulation.

Auch bei einem Video - wie bei einem Text - müssten Brüche, Störungen nachweisbar sein, wenn die Position des Ministers gelten soll. Fehlen sie - und danach sieht es derzeit aus -, so ist die "Stinkefinger"-Geste authentisch und echt.

0.8 Detektivarbeit

... ist oft nicht nur bei kriminellen Machenschaften fällig, sondern vielfältig bei der Rekonstruktion der Geschichte von Manuskripten. Die Indizien sind oft von der selben Qualität.

"Es waren nur wenige Quadratmillimeter weißes Papier,
die den Ermittler stutzig machten. Und die einen Be-
werber als Lügner entlarvten.
  Der Mann, laut Lebenslauf 'Diplom-Ökonom', hatte
seiner makellosen Mappe ein Hochschulzeugnis beigelegt
- allerdings nicht sein eigenes, sondern das seiner Le-
bensgefährtin. Vor- und Nachname waren ausgetauscht wor-
den, die letzten beiden Buchstaben des Titels wegretu-
schiert. Die 'Diplom-Ökonomin' war nun ein 'Diplom-Ökonom'.
Nur leider hatte der Bewerber vergessen, den schmucken
Titel an die Formatierung des Zeugnisses anzupassen. Alle
anderen Zeilen waren zentriert, die entscheidenden Wörter
um zwei Anschläge nach links verrutscht."
SPIEGEL (33/2016)

0.9 Medium BUCH

0.91 Buchdruck

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(85f) "Man gibt sich vielleicht zu wenig Rechenschaft
darüber, wie wenige Bücher im 16. Jahrhundert den Men- 
schen zur Verfügung standen. Der Buchdruck ist 1451
erst erfunden worden. Es ist eine vollkommen neue Form
der Mediation und Kommunikation. Die Bibel wäre nicht
'die' Bibel ohne den Buchdruck. Die Botschaft Luthers
wäre nicht zu verbreiten gewesen ohne diese neue Technik.
Jan Hus stand das noch nicht zur Verfügung. Die Schriften
Wyclifs musste Hieronymus von Prag mühsam von Hand ab-
schreiben und dann nach Prag bringen - als ein singuläres
Exemplar. Wenn man einen solchen Text verbrannte, war die
ganze Arbeit umsonst. Es war damals wirklich möglich,
Ideen auszurotten, indem man Bücher verbrannte und not-
falls Menschen gleich mit, damit sie keine neuen
schrieben.
   Das ist in den Tagen Luthers bereits deutlich anders.
Es gibt von einer Idee so viele gedruckte Exemplare,
dass man sie nicht mehr ohne weiteres ausrotten kann."

0.92 Buchdruck II - Luther / Deutsch / (Bibel-)Übersetzung

aus SPIEGEL 46/2016 139ff, Atk. von U.Knöfel:

"Deutschland existierte noch lange nicht, aber ein Heiliges
Römisches Reich Deutscher Nation mit weniger als 15 Millio-
nen Einwohnern, ein Gebilde aus vielen Fürstentümern - und
ein Wirrwarr aus Dialekten und Sprachen vom Alemannischen
bis hin zum Ripuarischen. Er herrschten babylonische Zu-
stände. Menschen, die wenige Kilometer voneinander entfernt
lebten, konnten sich oft nicht problemlos verstehen. Es gab
ein Schriftdeutsch, doch das war spröde, es war eine Spra-
che, in der Verträge aufgesetzt wurden. Gelehrte schrieben
in Latein. Eigentlich war es ein Zeitalter des Sich-nicht-
Verständigens.
   Sich auf Deutsch zu äußern war eine Gefahr und doch auch
eine Chance, denn so bekundete man immerhin, dass man sich
im Prinzip an alle wenden wollte und nicht nur an Latein-
kundige. Luther erfand auf diese Weise vielleicht sogar die
Idee eines Publikums. Und er fand (und erfand) dann deut-
sche Worte, die alle verstanden. Er wollte, bekannte er, so
schreiben 'auf dass es dringe und klinge ins Herz, durch
alle Sinne'. Ohne ihn gäbe es Vokabeln wie 'Feuereifer',
'Herzenslust' und 'Sündenbock' nicht. Sein kraftvolles
Schrifttum prägte selbst den Wortschatz derer, die nicht
lesen konnten.
   Der Reformator konnte reden und schreiben wie kein ande-
rer im Land, er konnte Formulierungen tosen, toben oder
hauchen lassen, er elektrisierte seine Anhänger. Seine
Gegner brachte er mit seiner Rhetorik fast um den Verstand.
Er genoss es durchaus, zu schmähen und andere zu 'plagen',
'denn davon werde ich jung und frisch, starck und frölich'.
(...)
   In seinem Versteck auf der Wartburg stellte Luther wei-
tere Textmunition her: Ende 1521 begann er mit der deut-
schen Übersetzung des Neuen Testaments. Aus heutiger Sicht
ist es schwer zu verstehen, warum diese Tat so bahnbre-
chend war. Doch die Heilige Schrift, Grundlage einer ganzen
Religion, war seltsam unbekannt. Selbst Priestern waren nur
Bruchstücke geläufig. Erst durch Luther änderte sich das.
Man nannte seine erste Ausgabe des Neuen Testaments in
deutscher Sprache das 'Septembertestament', weil sie im
September 1522 erschien. Gedruckt wurden 3000 Exemplare,
in damaligen Zeiten eine gigantisch hohe Auflage, sie war
schnell vergriffen. Bald folgte die zweite Auflage, das
'Dezembertestament'. In Städten wie Augsburg, Nürnberg,
Straßburg und Basel wurde dieses Werk wiederum nachge-
druckt, die vielen Raubkopien belegen den Erfolg. Das
'Newe Testament Deutzsch' war der erste Bestseller der
Geschichte. Auch auf der Messe in Frankfurt wurde es ge-
handelt wie eine Trophäe.
   Luther war nicht der Erste, der die Bibel ins Deutsche
übertrug, doch er war der Erste, bei dem die Bibel auf
Deutsch biblisch klang. Und er war der Erste, der auch
die griechische Fassung und nicht nur (wie von der Kirche
gefordert) die frühe lateinische Übersetzung als Vorlage
nutzte. Eine übertriebene Wort- und Werktreue hielt er
für falsch. Er wollte dem Sinn der Sätze auf die Spur
kommen, und er wollte seine eigenen Formulierungen fließen
lassen. Aus 'Maria voll Gnaden' wurde bei ihm 'gegrüßet
seist du, Maria, du holdselige'. Statt 'Las meine seele
vol werden, wie mit schmaltz und fetten' hieß es bei ihm
'meines hertzens freud und wonne'.
   Sein Vorgehen erklärte er selbst, und auch das ist
außergewöhnlich. Er verfasste einen 'Sendbrief vom Dol-
metschen'. Darin forderte er, man dürfe auf keinen Fall
'die buchstaben inn der lateinischen sprache fragen,
wie man sol Deutsch reden'."


1. Fragen der Methode

1.1 Beispiele, Einzelfragen

An der Turmbaugeschichte kann übersichtlich gezeigt werden, wie man späteren Kommentatoren auf die Spur kommen kann. [7]

Der Beginn der Josefsgeschichte (Gen 37-50) ist durchsetzt von nachträglichen Kommentierungen (grau unterlegt). Der Originaltext verschwindet fast unter den Bearbeitungen. Gute Möglichkeit über die Motive der Bearbeiter nachzudenken. Auch über die Auswirkungen auf den Leser des Endtextes, der ja spontan nicht zwischen Original und Bearbeitung unterscheiden kann. [8] - In vergleichbarer Form - Mixtur aus ursprünglichem Original und späteren Überarbeitungen - präsentieren sich sehr viele biblische Texte heute. Schlechte Voraussetzung für eine fesselnde, ansprechende Lektüre.

1.2 damals - heute

Die heutigen Aufgaben eines Redakteurs in Print- oder elektronischen Medien - vgl. [9] - bestehen darin, diverse Informationsquellen -Text, Bild, Ton, mündliche Berichte - zu einem Text/Beitrag zusammenzufassen. Dabei muss im Vordergrund stehen, für welche Zielgruppe produziert wird: stilistisch, in punkto Neuheit/Aktualität muss der entstehende Text/Beitrag passen, d.h. verstehbar sein und bis zum Schluss auch via Sprachgestalt das Interesse wachhalten.

Es wird nicht verlangt, dass entstehende Texte solche
von künstlerisch hohem Niveau und bleibendem Wert
sind. Aber eine eigene Handschrift, Homogenität,
wenn es passt: Humor, sind erwünscht. Es geht um
argumentativ schlüssige, informative und zumindest
gut lesbare Gebrauchstexte.

Solche Anforderungen an heutigen Journalismus sind von ganz anderer Art, als wenn von Redaktoren bei alten Texten gesprochen wird, vgl. [10].

- wird von "Redaktor" gesprochen, denkt man an die
  Wissenschaft - oder an den Sprachgebrauch in der
  Schweiz.
- wird von "Redakteur" gesprochen, ist der Journa-
  lismus im Blick.

In alten Zeiten war häufig die Situation genau umgekehrt: Ein intakter, schlüssiger, vielleicht künstlerisch herausragender Text liegt schon vor. u.U. liegt eine Vielzahl intakter Texte vor. Angesichts dieses Befundes können Redaktoren verschiedene Interessen verfolgen:

  1. Sie wollen den einen Text für eine andere als die ursprüngliche Zielgruppe modifizieren. Das kann stilistische Eingriffe erfordern, somit nachträgliche Erklärungen, Ausschmückungen, Kommentierungen auslösen, vor allem dann, wenn dem Redaktor manches im vorliegenden Text nicht passt (ideologisch). Die entstehende Textstruktur kann so verdeutlicht werden: [11]
  2. Eine Vielzahl vorliegender Texte kann/soll zu einem Gesamtwerk vereinheitlicht werden. Selbst wenn der Redaktor die vorliegenden Texte nur in eine Ordnung bringt, hintereinander schaltet, aber noch keinen literarischen Eigenbeitrag formuliert, so spricht die nun entstandene Gesamtkonzeption bereits. Meist aber wird die ordnende Hand auch Zwischenbemerkungen, Überleitungen, Zusammenfassungen, Ausblicke einfügen, die zu integrierenden Texte aber weitgehend unangetastet lassen. - In diesem Sinn versteht man den Beitrag der Evangelisten im Neuen Testament.

Beide Typen von Aktivitäten weisen spezifische Probleme auf, die so bei einem heute tätigen Redakteur (vorausgesetzt er arbeitet solide) eher nicht vorkommen:

  • Die partielle Umformulierung und Anpassung eines Textes für eine andere Zielgruppe (und sei sie zunächst nur der Redaktor selbst) wird stilistische Brüche und Unverträglichkeiten in den vorliegenden Text eintragen. Ein Text = textum = stilistisches Gewebe wird durch Fremdeingriffe unweigerlich empfindlich gestört, muss geradezu gestört werden, wenn der Redaktor inhaltliche Eigenakzente im Text unterbringen will. Also kann nicht Homogenität das Ergebnis sein, sondern es wird Heterogenität sein. Das merkt der Leser dann auch. Der Redaktor meint den Text inhaltlich zu verbessern durch seine Hinzufügungen, stilistisch verschlechtert er ihn aber, weil er Irritationen einbaut. Auch ein noch so kleiner chirurgischer Schnitt durchtrennt mehrere Blutgefäße. Bei einem Text ist es nicht anders.
  • Die Zusammenfassung vieler Einzeltexte zu einem literarischen Ganzen verleiht dem Einzeltext eine Perspektive, ein Ziel, einen Ort im Rahmen weiterer Texte, den er ursprünglich nicht hatte. Die Einzelerzählung - als Beispiel - hatte ihr Ziel in sich. Sie enthielt alle zum Verständnis notwendigen Informationen. Durch Einbettung in ein Korpus tun sich nachträglich unerwartete Querverbindungen auf, ohne die der Einzeltext bislang auskam. Sie stören zwar literarisch den Einzeltext nicht. Sie berauben ihn aber seiner Eigenständigkeit. Er mutiert zum Durchgangsstadium. Ein anderer Text soll nun das Ziel des Gesamtkorpus repräsentieren. Das ist so etwas wie die "Entmündigung" des Einzeltextes. (Und manche späteren Leser, v.a. wenn sie sich von Quantitäten beeindrucken lassen, folgen dieser Gewichtsverlagerung: das Gesamtkorpus und seine Struktur interessieren fortan, der Einzeltext bleibt eher unbeachtet.)

Daraus folgt: Was nachweislich zunächst als Einzeltext existiert hatte, sollte auch als solcher freigelegt, analysiert und interpretiert werden. Damit nimmt man die erste, fassbare, synchrone Schicht ernst. Im Gefolge können die weiteren Bearbeitungen herausgearbeitet und beschrieben werden: man beginnt somit den Gang in die Diachronie hinein, in den Textbildungsprozess, zeichnet ihn nach. Darin spielt dann auch die spätere Einbettung eines ursprünglichen Einzeltextes in ein größeres Korpus eine Rolle.


1.3 Plagiat

Es ist bemerkenswert, wie derzeit diverse Dissertationen prominenter Angehöriger politischer Kreise als "Plagiat" erkannt werden. Damit ist auch ein Redaktionsproblem gemeint: Jemand übernimmt von einem anderen Autor eine Textpassage und fügt sie - ohne sie kenntlich zu machen - seinem eigenen Text ein. Von antiken oder mittelalterlichen Redaktoren kennt man das Verfahren. In heutiger Wissenschaft hat es keinen Platz, u.z. aus drei Gründen:

  1. Meist wird auf die Rechte der Ursprungsautoren verwiesen, die durch einen Formulierungsklau verletzt werden. Das ist richtig. Aber man sollte den zweiten Aspekt nicht übersehen:
  2. Wissenschaftliche Publikationen sind dazu da, andere mit verlässlichen Informationen zu versorgen. Das präzise Zitieren soll Leser in die Lage versetzen, in der genannten Quelle nachzuschlagen und dort dem gerade behandelten Aspekt in größerer Breite nachzugehen, als es der aktuelle Autor für richtig hielt. Entfällt das explizite Zitieren, ist der Weg zur Vertiefung für die Leser abgeschnitten. Sie bleiben dem unüberprüfbaren Wissen des aktuellen Autors ausgeliefert. Der wissenschaftliche Austausch wird an dieser Stelle unterbrochen. Statt den wissenschaftlichen Austausch voranzubringen, wird eine Art Heldenverehrung begonnen: die Leser sollen beeindruckt werden, was der aktuelle Autor doch alles weiß - und wer es als Gutachter nicht merkt, vergibt dann auch noch summa cum laude.
  3. Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens: Jede fachliche Äusserung - möglichst solide recherchiert, bedacht, durch Tests abgesichert - muss einer identifizierten Person zugerechnet werden können. Auch darin zeigt sich, dass es platte 'Objektivität' nicht gibt, sondern 'Wissenschaft ist Kommunikation' - und dabei dürfen die Partner nicht mit heruntergeklapptem Visier operieren, sondern sie stehen mit ihrer Person ein für die Seriosität ihrer Äusserung/Sichtweise.

Technisch sind es heute im Prinzip zwei Verfahren, die derartige Schummeleien aufdecken können. Vorausgesetzt ist natürlich, dass die Texte in elektronischer Form vorliegen:

  • einerseits natürlich potente Suchmaschinen, die schnell eine unglaublich große Textmenge auf Wortketten, die man vorgibt, durchsuchen können.
  • Andererseits kann man per Programm schon einen einzelnen Text (z.B. Dissertation) durchprüfen um sich anzeigen zu lassen, an welchen Stellen sich die Stilistik (Wortkombinationen) signifikant ändert. Steht an solchen auffälligen Bruchstellen kein Anführungszeichen (+ Literaturverweis), wird es verdächtig. Die Zusammenhänge sind so komplex, dass es mit gelegentlichen Umstellungen oder dem Austausch von Synonymen nicht getan ist. Bewusste Vertuschungen können das Programm nicht aushebeln.

Hintergrund ist die schon unter Ziff. 1.2 genannte Annahme, dass jeder Autor seinen eigenen stilistischen 'Fingerabdruck' hat.

1.4 bei Musikinstrumenten ?

"Eine alte Geige klingt also heute völlig anders als
vor zweihundert oder dreihundert Jahren, und ein Vio-
linvirtuose unserer Zeit wäre wohl ebenso überrascht,
wenn er seine 'Stradivari' in ihrem Urzustand hören
würde, wie Stradivari, wenn er hören und sehen würde,
was man mit seinen Instrumenten inzwischen gemacht hat.
Heute gibt es praktisch keine Meisterinstrumente, die
nicht mehrmals umgebaut sind. Diese Umbauten zielten
vor allem auf größere Lautstärke, aber auch auf mehr
Egalität und Glätte. Da die besten alten Streichinstru-
mente aber von höchst ausgewogener Qualität waren, mußte
jede der Verbesserungen, die durch die Umbauten erreicht
wurden, mit Verschlechterungen in anderen Bereichen (vor
allem klanglichen) bezahlt werden. Es kommt also darauf
an, was einem besonders wichtig ist. Oder, vergleicht
man eine Silberflöte von Böhm mit einer einklappigen
Flöte von Hotteterre, so wird man erkennen, daß bei
der Böhm-Flöte sämtliche Halbtöne gleichartig klingen,
während bei der Hotteterre-Flöte durch die verschiedene
Größe der Löcher sowie durch die notwendigen Gabel-
griffe nahezu jeder Ton eine andere Färbung hat." 
N. Harnoncourt: Musik als Klangrede. 1985 S. 97. 

1.5 Fernsehen, Internet / Werbeeinblendungen

Fernsehen: Jede Übertragung eines zusammenhängenden Ereignisses nimmt die Zuschauer in eine Bewegung hinein, die vielfältige Erwartungen, Wertungen, Urteile, Diskussionsanreize, Genüsse usw. auslöst. Man hat die Sendung ausgewählt, ist bereit, einige Zeit und Konzentration zu investieren, man öffnet sich auch innerlich. Jede Störung hierbei wird als lästig, als Zumutung empfunden und ärgert. Man betrachte unter diesem Aspekt die Werbeeinblendungen bei Fußballspielen, Krimis, Shows usw. - Wer sich nicht (mehr) darüber ärgert, bei dem ist die durch solche Schnitte ausgelöste Erziehung zur Oberflächlichkeit schon weit fortgeschritten. Ein solches Abstumpfen ist eigentlich ein unbewusster Schutzmechanismus: die tatsächlich ausgelösten Enttäuschungen möchte man von sich fernhalten. Darunter leidet dann auch die Wahrnehmung der Sendung, die man eigentlich anschauen wollte. Zu tieferem Erleben ist man nicht mehr fähig.

Internet: Auf den meisten Webseiten wird man durch Werbung verfolgt. Selbst bei seriösen und verdienstvollen Webseiten, die z.B. viele Klassiker-Texte bereitstellen - z. B. gutenberg.de - muss man - sobald ein Text heruntergeladen ist - mehr als die Hälfte des Textes ausschneiden und wegwerfen, wenn man - ohne Ablenkung - an den eigentlich interessierenden Teil gelangen und ihn lesen will. Die Allgegenwart ablenkender Werbeeinblendungen ist dann, wenn eigentlich ein seriöser Text genau gelesen werden will, eine Seuche. Da die meisten Benutzer wahrscheinlich technisch nicht in der Lage sind, eine solche "Reinigung" vorzunehmen, sind sie zur ständigen, unbewussten Anstrengung gezwungen, das Nicht-Dazugehörige zu übersehen und geistig beiseitezuschieben.

Buch: Als Medium lädt das Buch im Normalfall zur Konzentration auf das Thema ein. Werbung mag am Schluss noch angehängt sein. Oder - das ist schon seltener - zwischen Kapiteln. Aber als Medium hebt sich das gedruckte Buch weitgehend und vorteilhaft ab von den genannten elektronischen Medien. ebooks kommen an diesen alten Standard nur heran, wenn sie in vergleichbarer Form lästige Irritationen und Nebeninteressen ausblenden, also die Konzentration fördern.

1.5.1 Fernsehen: 25 Jahre Fall der Berliner Mauer

Die Jubiläumsfeierlichkeiten wurden am 9.11.2014 u.a. dadurch begangen, dass in Berlin Beethovens 9. Symphonie/4. Satz ("Ode an die Freude") unter Daniel Barenboim aufgeführt wurde. Nicht zu fassen: Während der Aufführung des Werkes wurden zweimal Interviewpassagen mit dem Historiker Heinrich August Winkler eingeblendet, Beethoven erklang nur noch als Hintergrund. Nach der zweiten Einblendung leitete die Moderatorin über: "Hören wir wieder in Beethoven rein!"

Ein phänomenales Musikwerk wird dadurch zum Beiwerk, zum Ornament, degradiert. Jeder Symphoniesatz hat seine eigene thematische Entwicklung - sie muss man konzentriert nachverfolgen können; sie wird aber nicht erkennbar, wenn gewalttätig fremde und lange Wortpassagen eingestreut werden. Die Fernsehschaffenden produzierten somit 4 Brüche/Schnitte am Übergang: Musik <-> Text, und während der Interviewpassagen ein langes Verdrängen der Musik in den Hintergrund.

Aber Beethoven hat sich gerächt: Aus dem Hintergrund heraus sorgte er mit seiner künstlerischen Potenz dafür, dass die inhaltlich sicher respektablen Gedanken des Historikers von kaum einem Zuschauer noch wiedergegeben werden können... Damit ist durch die Fernsehschaffenden beides zerstört worden: der Musikgenuss und das seriöse Nachdenken zu historischen Fragen. - Genügt es - sarkastisch gefragt -, wenn die zur Verfügung stehende Sendezeit durch kurze Brocken - musikalisch, mit Worten - "gefüllt" worden war? Erleben und Verstehen demnach belanglos? --Hs


2. Konstituierung des Textes

Oft würde es sich als naiv erweisen, wenn man nur sagt, man möchte diesen und jenen Text lesen. Man verweist dann auf Autor und Titel des Textes und übersieht, dass es diesen Text in verschiedenen Ausgaben, oft auch in unterschiedlichen Fassungen gibt. Darin können Überlieferungsfehler eingeschlossen sein, ja sogar nachträgliche Überarbeitungen/Erweiterungen/Korrekturen. Das zeigt, dass vor der Lektüre u.U. eine Reihe von Entscheidungen und Analysen notwendig sein können. Konstituierung des Textes gilt hier als Oberbegriff für die im Einzelnen genannten Methoden: Textkritik, Redaktionskritik, Literarkritik.

Auch die Unterteilung eines Textes in Äußerungseinheiten gehört genau genommen zur "Konstituierung": vgl. 4.06 Äußerungseinheiten - Satz und 4.0601 Äußerungseinheiten (ÄEen)


2.1 Konstituierung: "Josefsgeschichte" (Gen 37-50)

Wie es bei der Wahl eines Bundestags viele vorbereitende Schritte gibt, bis er "sich konstituieren kann", ab da dann arbeitsfähig ist, so kann es Mühe bereiten, einen Text so aufzubereiten, bis er sinnvoll und mit Genuss gelesen werden kann. [12]

Machen sich nachträgliche Zensierer, Redaktoren, Besserwisser über einen schon vorliegenden Text her, ändern ihn, wird dessen literarische Struktur zerstört. Im Fall der Josefsgeschichte ist der Umfang der Nachträge deutlich höher als die originale Erzählung. Josefsgeschichte/ KURZVERSION 3:____[13]

Wer am Beispiel des Textanfangs demonstriert haben will, wie die Zusätze eingefügt worden waren und wie - mit welchen Kriterien - man sie erkennt, der kann anschauen: [14]

Man kann statistisch-grafisch zeigen, wie strukturlos der biblische Endtext einerseits ist, andererseits wie klar strukturiert die erarbeitete = freigelegte Originalfassung:[15]

Der "Genuss", den erst die Originalfassung wieder ermöglicht, ist hier angedeutet: [16]

Aber das sind eben zu unterscheidende Etappen, die nicht verwechselt werden dürfen:

  1. die Bereitstellung des Textes - nenne man die Aktivitäten Vorbereitung, Aufbereitung oder Konstituierung
  2. die Analyse und Interpretation einer synchronen = real gegebenen Textschicht - dafür stellt die 'Alternativ-Grammatik' einiges an Rüstzeug zur Verfügung
  3. die Betrachtung der Nach- und Wirkungsgeschichte eines Textes
  4. man kann natürlich die Abfolge vieler Versionen/Handschriften/Editionen eines Textes beobachten.

Stufen 1+3 sind diachron ausgerichtet, d.h. sie beschäftigen sich mit dem Wandel eines Textes durch die Geschichte hindurch. Diese gesamte Geschichte eines Textes hat H. Plett einmal den Textbildungsprozess genannt. Den kann man untersuchen. Man sollte sich nur bewusst machen, dass damit die Frage, wie eine Textgestalt auf Leser/Hörer wirkt, welche Interessen der Autor damit verfolgen wollte, ganz in den Hintergrund rückt.

Vernünftig und ergiebig ist die Textbeschreibung nur, wenn man sich klar entscheidet: Will ich einen diachronen Blick auf die Textentwicklung werfen? Oder ist mir eine synchrone Textgestalt - möglichst die ursprüngliche; oder aber eine redaktionell veränderte - wichtig?

Praktische Illustration der drei Orientierungen an der alttestamentlichen Josefsgeschichte: [17]

  1. die "Einleitung" deutet die Etappen/Mühen an, die dann zum Erkennen der nachträglichen Ergänzungen führten
  2. der "Text der originalen Josefsgeschichte" ist der Lohn der Mühe: die Originalschicht ist komplett lesbar (wörtlich und freier übersetzt, mit Kommentar), Ziff. 1 = gut lesbarer Kern des Manuskripts.
  3. anschließend einige Beispiele der Wirkungsgeschichte, z.B. der Roman von L. Feuchtwanger, Jud Süß;
  4. (es folgen weitere Materialien, Übersetzungen in verschiedene Sprachen, die im Moment nicht interessieren)
  5. schließlich - für die wissenschaftliche Ebene gedacht - ausführliche Befunderhebung und Charakterisierung der redaktionellen Beiträge

Interpretation meint die genaue Betrachtung einer synchronen Textschicht. Diachrones Wissen ist nützlich, stellt aber noch keine Interpretation dar, die auf Beschreibung der sprachlichen Struktur basieren würde.

SchülerInnen sollten also befähigt werden, selbstständig einen Text zu beschreiben und zu analysieren. Mit diachronen Fragen der Textgeschichte wird man an Schulen höchstens im Ausnahmefall zu tun bekommen.

2.2 Konstituierung: Franz KAFKA "Der Prozess"

nach der DTV-Ausgabe 1998, von J. Kiermeier-Debre. 289f beschreibt der Herausgeber kurz die Geschichte der abgedruckten Textgestalt:

Knapp zwei Monate nach dem Tod des Dichters konnte Max
Brod am 31. Juli 1924 mit dem Berliner Verlag "Die
Schmiede" einen Vertrag abschließen. Er sah zunächst
die Herausgabe eines in den Jahren 1914-1915 entstan-
denen Romans vor, dessen Manuskript keinen Titel
trägt, dem Kafka nach Aussage des Herausgebers im
Gespräch jedoch stets den Titel Der Prozess gegeben
hat.
  Brod musste das Manuskript, das er nach eigener
Auskunft im Juni 1920 an sich genommen hatte (es
befindet sich heute im Literaturarchiv Marbach), erst
in eine druckreife Form bringen. Kafkas Handschrift
war, da er seinen Romanversuch als misslungen erach-
tete, keineswegs eine Reinschrift. Sie gibt vielmehr
einen unvollendeten Zustand wieder, der vom Heraus-
geber sowohl was die Reihenfolge der "Kapitel" als
auch die Orthographie und die Interpunktion anbelangt,
eine Reihe editorischer Entscheidungen nötig machte.
Max Brod hat sich dieser Aufgabe gestellt und eine
Ausgabe des Kafkaschen Prozess-Manuskripts vorge-
legt, die der Möglichkeit einer nachhaltigen Wirkung
bei Lesern und Kritikern nicht nur nicht im Wege
stand, sondern dem Werk wie dem Autor durch die post-
hume Publikation Weltgeltung verschafft
hat.
  Der Text unserer Ausgabe folgt deshalb der Erst-
ausgabe Max Brods zeichengenau in Orthograohie und
Interpunktion. Eingriffe in den Originaltext wurden
nur bei offensichtlichen Satzfehlern vorgenommen
(z.B. wurde "sagte, die Frau" durch "sagte die Frau"
oder "trat ein ein wenig" durch "trat ein wenig" er-
setzt).
Angaben in eckigen Klammern sind Konjekturen, Hinzu-
fügungen bzw. Verdeutlichungen des Herausgebers.
Textanordnung (Absätze, Leerzeilen, Zentrierungen
etc.) und Schriftgestaltung (Punktgröße, Auszeichnun-
gen usw.) geben, ohne ein Faksimile ersetzen zu wol-
len, in modifizierter Form  die originale Situation
wieder. Die Ziffern zwischen den senkrechten Haar-
strichen markieren die Paginierung der ersten Ausgabe.

2.3 Konstituierung: "Opferung Isaaks" (Gen 22,1-19)

Der angebotene Text - vgl. [18] - ist so geschrieben, dass viel Freiraum für diverse Analysen am Text gelassen wird. Die Übersetzung ist einem exegetischen Standardwerk entnommen.

Aber: Die erwünschte Textgestalt sollte deutlich präziser der hebräischen Vorlage folgen, als es in üblichen offiziellen Übersetzungen Praxis ist. Daher sind in die nachfolgende Version verschiedene Etappen der Konstitutierung des Textes eingegangen:

  1. der Text ist nun grammatisch extrem genau wiedergegeben - auch um den Preis, dass manches stilistisch hart erscheint, auch wurden Mehrdeutigkeiten belassen, z.B. das Wort für "Knabe|Knecht".
  2. Der Text ist in Äußerungseinheiten unterteilt. Zu Kriterien vgl. 4.0601 Äußerungseinheiten (ÄEen)
  3. Es ist die Folgerung aus dem Wissen gezogen, dass eine nachträgliche Erweiterung eingefügt worden war. Diese wird nun übersprungen, um das Lesen der Originalfassung ungestört zu ermöglichen.

Das Ergebnis kann unterschiedlich betrachtet werden:

  • Mit "Äußerungseinheiten" und zugleich strengerer Übersetzung: vgl. [19]
  • Für beides - "Äußerungseinheiten" und Übersetzung - kann man zum Vergleich eine 'Zwischenetappe" heranziehen, nämlich die Version von Luther von 1545, vgl. [20]. Dazu sind auch einige methodische Überlegungen sinnvoll: [21]

Schnuppermöglichkeit: [22] - ohne weitere Erläuterungen führen diese Folien (aus einer Vorlesung) vor Augen, wie man einen alten Text präsentieren und unterteilen kann; und es wird (durch Pfeile) angedeutet, zwischen welchen Partien sprachliche Spannungen bestehen - also Frage der Literarkritik (Wo sind Textaussagen inhaltlich oder erzählerisch nicht aufeinander abgestimmt?). Wer Lust hat, kann zu bestimmen versuchen, um welche Art Problem es bei den jeweiligen Pfeilspitzen geht - Pol und Gegenpol beachten! - Prinzip für die Gesamtauswertung: Wenn mehrere derartige sprachliche Spannungen/Unverträglichkeiten zwischen Textpartien festzustellen sind, muss ein Bruch angenommen werden. Im aktuellen Fall: zwei Brüche erlauben es, eine nachträglich eingefügte Passage zu erkennen, herauszuheben - wodurch dann der originale Textbestand wieder sichtbar wird.


3. Textkritik

Die technische Fixierung eines Textes - handschriftlich oder drucktechnisch - birgt Fehlerquellen. Solche Irritation im Rahmen der Texttradierung aufzudecken und - möglichst - zu reparieren ist Aufgabe der Textkritik.

3.1 Textkritik: G. Grass "Hundejahre"

Die Ausgabe des Romans in der Sonderausgabe vom Februar 1980 erwähnt auf Erzählerebene S.651 mehrfach ein und den selben Akteur, aber unterschiedlich geschrieben:

"Brauxel" - "Brauchsel" - "Brauksel"

Die Schriftvarianten stehen für ein und die selbe phonetische Wiedergabe des Namens. Folglich entspringen sie nicht einem (setz-)technischen Unglücksfall, sondern sind vom Poeten gewollt.

Auf der selben und der nächsten Seite wird mehrfach ein "Eduard Amsel" erwähnt. Einmal, S. 652, jedoch ein Euard Amsel, als er noch klein war. Nun kann man mutmaßen, ob wegen der Aussage der Vorname vom Poeten verkürzt wurde, um die 'Kleinheit', zugleich um die noch unentwickelte Sprachkompetenz des Fünfeinhalbjährigen nachzubilden. Oder ob schlicht ein Druckfehler vorliegt. Letzteres ist wahrscheinlicher.


3.2 Textkritik: G.Grass "Sämtliche Gedichte" (2007)

Im Gedicht "Prophetenkost" (S.39) sind die 6.-8. Zeile wie folgt geschrieben:

von jenem springenden, grauen Belag, den wir die Plage nann-
t                   e                    n                 .
Wer hätte es anders erwartet. -

Anstatt zu mutmaßen, welcher poetische Tiefsinn in der Hervorhebung von "ten." liegen könnte, nimmt man besser an, das Textverarbeitungsprogramm kam mit der langen Zeile und dem Zeilenumbruch nicht klar. Und vor allem: kein Lektor hat das Ergebnis nochmals kontrolliert.

3.3 Psalm 90

Der Text ist beliebt - zur Vertonung, als Kirchentagsmotto, vgl. [23] und dort anschließende Ziffer - nur: Wer in der Lage ist, die Biblia Hebraica nachzuschlagen, kommt ziemlich stark ins Rätseln, wie der 12. Vers denn nun zu verstehen sei. Nach Ausweis des beigegebenen textkritischen Apparates erfährt er, dass er mit seinem Rätseln nicht alleine ist: In der Textgeschichte haben mehrere schon die Buchstabenfolge so verändert, dass ein akzeptabler Sinn zu entnehmen ist. Das alles sind aber freie Vorschläge = Emendationen, die gut gemeint sind, sich jedoch nicht auf vorausliegende Manuskripte stützen können.

Das mahnt zur Vorsicht: Wenn es keine gut belegten Alternativ-Vorschläge gibt, ist es sehr wahrscheinlich, dass kein Problem der Textveränderung im Lauf der Geschichte vorliegt, sondern der aktuelle Leser sollte seine Hebräischkenntnisse updaten und versuchen, mit dem gegebenen Text klarzukommen. Etwa so - ganz wörtlich:

"Zu zählen                              ÄE 1
 unsere Tage,
 in-dieser-Art                          ÄE 2
 lehre,
 und wir werden/können (ein)bringen     ÄE 3
 ein Herz
 (von) Weisheit"
Wichtig für das Verständnis ist die Unterteilung in 
Äußerungseinheiten (ÄEen), 
vgl. [24].
Erst wenn man die unreflektierte Suche nach
'ganzen Sätzen' aufgibt, erschließt sich hier
der Sinn:
ÄE 1 ist eine aphrastische ÄE. Sie ist als Thema
vorangestellt. Auf sie nimmt die Verweispartikel
am Anfang von ÄE 2 Bezug.
ÄE 2+3 sind normale Verbalsätze.

Stilistisch auch im Hebräischen eine schroffe
Sprechweise, mit eingebundener Metafer - aber
gerade so: offen, anregend, und keineswegs so
dräuend platt und scheinbar eindeutig wie jenes
Kirchentagsmotto. Auch in der Übersetzung sollte
das "offen, anregend" bewahrt werden. Wer die
Metafer auf "klug" einstampft, zerstört die
Poesie, intellektualisiert.

Aber das geht sprachlich ja auf Luther zurück. Daher nochmals anders: Wo immer eine verstehbare Übersetzung angeboten wird, vernimmt man nicht den Psalm, sondern die Meinung/Vorlieben des Übersetzers, den 'Reim', den er sich auf die hier eher etwas schwierige hebräische Wortfolge gemacht hat. Solche Stellen waren oft schon willkommen: Sie konnten als Einfallstore benutzt werden, um eigene Meinungen mit der Autorität der Bibel unters Volk zu bringen. - Ideologische Verwertung anstelle angemessener Wiedergabe. - Wie gesagt: Mit der Frage der Textüberlieferung scheint das Beispiel nichts zu tun zu haben.


4. Gründungslegenden

Hier könnten mit 4.1, 4.2 ... Einzeldarstellungen folgen, die zeigen, dass - i.d.R. bei Religionen - bei sog. "heiligen Texten" das Stichwort "geschichtlicher Textbildungsprozeß" gemieden wird wie das Weihwasser vom Teufel. Es darf dann nicht sein, dass jene Texte sich entwickelt haben, dass viele Menschen daran mitgewirkt haben. Vielmehr muss der göttliche Ursprung angenommen werden, u.U. mit vermittelnden Wesen (Engel). Der Text ist inspiriert, folglich fehlerfrei usw. - Aus solchen Setzungen ergeben sich keine textwissenschaftlichen Fragen, aber dogmatisch-ideologische. Sie sind ernst zu nehmen. Aber zur Beschreibung und Interpretation der Texte tragen sie nichts bei. Oft wird rationale Analyse sogar abgelehnt, da die Schrift selbsterklärend, aus sich heraus klar sei.

Man beachte die in solchen Gründungslegenden eingeschlossenen Wertungen: menschliches Denken/Sprechen/kreativ-poetisches Schaffen wäre ein Makel, wenn es beteiligt wäre. Man sucht nach Botschaften aus einer ganz anderen Quelle. Das ist implizite Menschenfeindlichkeit, -verachtung. Wenn es um Botschaften geht, die verstanden werden sollen, wäre es wichtig, dass die Beteiligung einzelner Menschen positiv gewürdigt wird und damit beschreibbar ist.

4.1 Koran

[Der Erzengel Gabriel habe den Koran dem Mohammed geoffenbart. Mohammed diktierte sukzessive die Offenbarungen, denn er selbst konnte nicht schreiben.]

4.2 Bibel (AT + NT)

[Vorstellungen von "Inspiration" - die Texte seien also von Gott eingeflüstert, "theopneustos" - also von Gottes Geist eingeblasen. Das alles sind Vorstellungen, die das menschliche Mitwirken auf rein mechanisches Aufschreiben reduzieren. Der gedankliche Gehalt kommt von der göttlichen Sphäre, keineswegs von irgendeinem Menschen.]

4.3  ??

5. Spätere Textveränderungen - aufgedeckt durch Literarkritik

"Zensur" nennt man solche, gegen den Willen des Autors durchgeführte Veränderungen eines vorliegenden Textes. Heutige Redakteure überprüfen eingereichte Texte auf ihre Stilistik hin - und verbessern, wo es ihnen nötig erscheint. Und sie überprüfen auf die Länge hin: der Artikel soll gut auf die Zeitungsseite passen, zusammen mit anderen Bildern und Texten. Das kann Kürzungen nötig machen. Geprüft wird natürlich auch die inhaltliche Tendenz. Muss auch sie korrigiert werden? - Aus derartigen Gründen kann der Text deutlich verändert das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Manche staatlichen oder religiösen Systeme operieren mit förmlichen "Zensurbehörden". Diese sollen die Konformität eines Textes mit der herrschenden Staats- bzw. Religionsideologie sicherstellen. Allein durch ihre Existenz üben solche Kontrollinstanzen schon einen Druck auf Schreiber aus: manche Formulierung/Aussage wird vorab schon so ausgerichtet, dass der Text höchstwahrscheinlich die Kontrolle passieren wird. Einschüchterung wirkt sich damit aus.

Wo die Aufseher zu anderer Meinung kommen, wird eben der Text direkt geändert und "passend gemacht". Irritationen der herrschenden Ideologie werden damit unterdrückt.

Methodisch derartige Veränderungen nachträglich zu erkennen, ist in einigen Fällen gut möglich, in anderen dagegen schwierig:

Mit gutem Ergebnis können Textergänzungen erkannt
werden. Paradebeispiel: die alttestamentliche Josefs-
geschichte, die im Lauf der Textweitergabe - bis zur
Ebene des offiziellen Kanons (ab da keine Veränderun-
gen mehr) - auf etwa den doppelten Umfang anwuchs,
was die Zahl der Äußerungseinheiten betrifft
(757 / original : 810 / sekundär).
Geht man auf die Ebene der Wortzahl, ist der Unterschied
noch deutlicher:
2512 originalen Wörtern stehen 8356 sekundäre gegen-
über.
Das bedeutet: die Bearbeiter waren deutlich
geschwätziger als der Originalautor. Gemessen am
Gesamttext macht der Anteil der originalen Wortformen
nur noch 23% aus. 
Gut ist in diesem Fall, dass die Bearbeiter offenbar
genügend Respekt vor dem Original hatten, so dass
sie lediglich mit Ergänzungen arbeiteten. Wo ihnen
also eine Originalaussage nicht gefiel, haben sie die
eigene Sichtweise hinzugesetzt.

Denkbar wären auch noch andere Verfahren, bis dahin,
dass der Originaltext nicht bewahrt und ergänzt würde,
sondern komplett umgeschrieben. Im letzteren Fall
würde ein stilistisch neuer und homogener Text
entstehen. Das würde auch das Aufdecken des
Redaktor-Anteils sehr erschweren oder unmöglich machen.

Aber die Zensurtechnik, die nur mit Ergänzungen arbeitet, ist methodisch viel besser beherrschbar.

Folgendes Bild aus der Medizin hilft dabei: Jeden
stilistisch homogenen Text kann man mit einem
Organismus vergleichen. In beiden Fällen funktio-
niert das Ganze auf Basis sehr vieler interner Bezüge.
Manche davon könnte man auflisten - es würden immer
noch viele unerkannt bleiben.
Ein Redaktor, der einen Textzusatz an einer Stelle
einfügt, wirkt wie ein Schnitt, den ein Arzt durch-
führt: es geht nicht anders, als dass mit dem einen
Schnitt zugleich eine Vielzahl von Querverbindungen
durchschnitten werden - Äderchen, Nerven.
Im Falle des Textes können diese gekappten Leitungen
als stilistische Brüche unterschiedlichster Art
benannt werden, mit grammatisch-literarischer Argu-
mentation.
Liegt nun an einer Textstelle eine Mehrzahl
solcher Problembeobachtungen vor, so kann man sicher
sein, dass hier eine fremde sprachliche Stilistik
auf den Originaltext mit seiner Stilistik traf. Es
ist unwahrscheinlich, dass ein fremder Autor sich
nahtlos und damit unerkennbar in die ihm fremde
Schreibweise einpasst. Oft will er das explizit auch
nicht, denn er fühlt sich befugt, den vorliegenden Text
nicht stilistisch, sondern inhaltlich zu korrigieren.
Die Frage der stilistischen Passung ist für ihn zweit-
rangig - aber dies ist die Ebene, die ihn letztlich
überführt. Es geht dabei nicht um Inhalte, sondern um
die Art der Sprachverwendung. - Und dabei hat jeder
seinen eigenen Fingerabdruck, den er nicht ein-
fach austauschen kann.
Ist an einer Textstelle nur eine einzige Problem-
beobachtung möglich, ist die Wahrscheinlichkeit sehr
hoch, dass es sich um eine stilistisch-legitime Irri-
tation handelt, um  übertragenen Sprachgebrauch
und eben nicht um das Eindringen einer fremden
schreibenden Hand.

Wer im Sinn einer Übersicht diesen Punkt vertiefen will, kann am Beispiel der Josefsgeschichte nachschlagen unter: [25]. Dabei bitte speziell beachten Ziff. 4.1.4. Dort werden auch Kriterien und durch Grafiken die Art des Vorgehens angedeutet bzw. illustriert.


5.1 Belagerungstext aus dem AT

Hier wird einmal 2 Kön 6,24-7,20 übersetzt so geboten, wie er im Alten Testament anzutreffen ist, also einschließlich dort gegebener sekundärer Texterweiterungen. Vgl. [26] - Wer möchte, kann durch eigene Lektüre überprüfen, ob ihm einzelne Übergänge merkwürdig vorkommen, oder sie gar nach stilistischen Brüchen aussehen. - Derartiges wäre noch keine methodisch-präzise Untersuchung. Aber immerhin ein erstes Achten auf diesen Aspekt.

Zum andern wird der Text geboten mit Literarkritik, d.h. als sekundär beurteilte Passagen sind entfernt - anhand der Äußerungseinheiten kann man leicht vergleichen und feststellen, welche Teile nun fehlen. Vgl.[27]. - Damit kann man auch prüfen, ob der Text nun flüssiger zu lesen ist - trotz seiner teils schrecklichen, teils (unwahrscheinlichen) humorvollen Inhalte.

5.2 Kabarettistische Illustration

Das verhandelte Textproblem wird unnachahmlich durch den Kabarettisten Dieter Hildebrandt illustriert. Durch den Wechsel von Fett- und Normaldruck wird uns die Aufgabe abgenommen, erst noch zu unterscheiden zwischen Original und kommentierender Anreicherung. [28]

5.3 Plagiate

Pech für manche Doctores: da immer mehr Dissertationen elektronisch zur Verfügung stehen oder nachträglich eingescannt werden, sind Computer-Suchläufe möglich mit der Frage: Wurden längere Passagen aus anderen Werken übernommen - ohne sie als Zitat kenntlich zu machen? Wurden also Gedanken + Formulierungen 'geklaut'?

Das ist auch eine Art von 'Textgeschichte', aber mit umgekehrten Vorzeichen: Ein anscheinend neuer Text wird erstellt (z.B. Dissertation), aber beachtliche Bestandteile davon finden sich bereits in früheren Werken.

Vgl. [29] - auch in der Politik hat man mit P. zu tun.

5.4 "Urtext"-Schwindel

Bezogen auf die Klaviersonaten Beethovens kann man bei einem Klaviervirtuosen, der auch viele gedruckte Ausgaben verglichen hat, hören, wie der über Verlage schimpft, die behaupten, den Urtext abzudrucken, also die direkte Wiedergabe der handschriftlichen Fassung. Etwas anderes wäre eine Studienfassung. Aber in einem Urtext dürfen keine Agogik-Zeichen drinstehen, die nicht von Beethoven stammen, auch keine nachträglichen Fingersätze, oder gar - in einem Fall - vier zusätzliche Takte, weil der Herausgeber meinte, der Komponist habe sie wohl vergessen ... - Man beachte: Immer geht es um Zusätze. Wenn der Anspruch "Urtext" erhoben wird, dann bitte eine Eins-zu-Eins-Wiedergabe des Originals - ohne besserwisserische, natürlich wohlmeinende ;-) Additionen!

5.5 Bild von Degas

Vgl. [30] - das ursprüngliche Bild war nicht lediglich verändert worden, sondern war durch Übermalen komplett zugedeckt. Moderne Technik erlaubte das Freilegen.


6. Vergleich von Parallelversionen

6.1 Versuchung Jesu / ÜBUNG

Der Text wird in 3 der 4 Evangelien verwendet, aber immer etwas verschieden. Vgl. [31]. Folglich kann man - (a) - den Textbestand vergleichen (Gemeinsamkeiten/Verschiedenheiten) und Überlegungen anstellen, wer denn von wem abgeschrieben und dann das Abgeschriebene zusätzlich verändert hat. Dazu werden die 3 Versionen parallel präsentiert (synoptischer Vergleich). . - Zusätzlich - (b) - werden Materialien zum Verständnis speziell der lukanischen Version angeboten.

Andeutung der Lösung für (a): Mk existierte als erster,
er wurde von Mt und Lk benutzt. Zusätzlich hatten
Mt und Lk eine weitere Vorlage zur Verfügung.
(= Zweiquellentheorie).

7. Interessant: Lektüre alter Texte

7.1 Eulenspiegel

Beispiel 1: [32] -

Beispiel 2: [33] -

Beispiel 3: [34]

7.2 Grimmelshausen

Beispiel 1: [35] -

Beispiel 2: [36] -

Beispiel 3: [37] -

Beispiel 4: [38]


8. Übersetzungen

8.1 Ein Text, verschiedene Übersetzungen / ÜBUNG

Auch ohne den Urtext zur Verfügung zu haben bzw. ihn beurteilen zu können, kann man stilistisch unterschiedliche Übersetzungen eines Textes vergleichen und registrieren, welche Akzentuierungen die jeweilige Variante beim Leser/Hörer auslöst, wo inhaltliche Widersprüche vorliegen, die noch aufzuklären wären. - Nachfolgendes Beispiel: Psalm 42 aus der hebräischen Bibel. "zb" = Zürcher Bibel", "eü" = Einheitsübersetzung.

Beispiel 1: [39] -

Beispiel 2: [40] -


8.2 Luthers Übersetzertätigkeit im 16. Jhd.

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(91f) "Ein weiteres Beispiel, wie Luther - ange-
leitet auch von Melanchton, der ihm im Hebräischen
zur Seite gestanden hat - im Alten Testament über-
setzt, bietet gleich zu Beginn der erste Satz,
Gen 1,1: 'Im Anfang schuf Gott ...' Hebräisch steht
da: et hasch-schâmajim we-'et hâ-'âräz - 'den
Himmel und die Erde'. Und so wird es auch in der
ökumenischen Einheitsübersetzung wiedergegeben. Es
ist aber keine gute Übersetzung, weil es den
bestimmten Artikel im Hebräischen stehen lässt.
Luther spürt, dass im Deutschen der bestimmte Arti-
kel die intendierte Aussage verkleinert.
' Der Himmel' wäre der Himmel als etwas Be-
kanntes, und ' die Erde' wäre etwas Bekanntes
als die Erde. Der Artikel muss weg. Und so übersetzt
Luther: 'Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde'. Das
ist total, da gehört kein definierter (!) Artikel
mehr hin. Das ist das All. So muss man übersetzen.
- Was Luther an dieser Stelle nicht gemerkt hat, ist
theologisch von größter Tragweite; man muss auch 
'im Anfang' anders übersetzen, denn 'Anfang' bringt
sofort die Vorstellung der Zeitreihe mit sich.
Daraus entsteht das Problem der Deisten und der
Theisten: Hat Gott sich, nachdem er am Anfang die
Welt geschaffen hatte, späterhin zur Ruhe gesetzt?
Gemeint ist: Gott schafft immer; aber dann müsste
man sagen: 'Ursprung' von allem ist Gott. Er hat
nicht am Anfang die Welt geschaffen, er ist der
Schöpfer von allem. 'Ursprünglich' müsste man
deshalb übersetzen, anstatt 'im Anfang'; 'wesent-
lich' könnte man sagen: Statt 'in principio'
müsste man sagen 'a principio'; prinzipiell schafft
Gott Himmel und Erde. Und aus dem hebräischen
Perfekt bârâ' 'hat geschaffen' müsste man im
Präsens sagen: 'schafft Gott'."
(136f) "Man nehme zum Beispiel Gen 3,15, das Wort
Gottes an Adam und Eva, es werde sich aus dem Samen
Evas eine Nachfolge entwickeln, in der 'dein Same
tritt nach dem Kopf der Schlange, die aber schnappt
nach der Ferse'. Eigentlich ist das in der korrekten
hebräischen Übersetzung der Fluch einer endlosen
Gegensätzlichkeit; wenn die Menschen glauben, das
Böse unter die Füße treten zu können, dann genau
sind sie ihm an der Achillesferse ausgeliefert,
genau dann sind sie am meisten verwundbar, genau
dann werden sie selbst zu dem Teufel, den sie gerade
bekämpfen wollen. Es ist ein unglaubliches Wort.
Aber nun hat man in der lateinischen Übersetzung
aus 'er ('ein Same')(!) wird nach dem Kopfe der
Schlange treten' gemacht 'sie wird die Schlange
zertreten'. Das sind zwei Fehlübersetzungen auf
einmal. Die eine ist einigermaßen leicht erklär-
lich: 'Er' heißt Hebräisch 'Hu' und 'sie' heißt
'hi'; man muss lediglich statt dem Waw, das lang
geschrieben wird, ein kleines Häkchen machen,
dann hat man ein Jota, und aus  'hu' (er) wird
'hi' (sie). Das kann also ein simpler Schreib-
fehler sein. Jedenfalls hat Hieronymus das so
übersetzt. 'Sie' wird - aber nun: nicht 'treten',
sondern 'zertreten'. Und daraus wird aus dem
ersten Fluch nach dem Sündenfall in der katho-
lischen Dogmatik das erste Evangelium. Denn in
der weiblichen Gestalt, die der Schlange den Kopf
zertritt, hat man in gerade(!) Linie Maria gese-
hen. Wie gesagt, das ist ein klarer Übersetzungs-
fehler in der Vulgata, aber mit gerade diesem
Fehler argumentiert die Kirche bis heute. Maria
ist eigentlich der Schutz gegen den Teufel, mit
dem man - wieder zu Unrecht - das Bild der
Schlange identifiziert. Jeder kennt die Darstel-
lung: Die Madonna, wie sie die Mondsichel unter
ihren Füßen hält und der Schlange auf den Kopf
tritt."

9. Schreibmaterial

9.1 Hitler-Tagebücher

Ein qualitativ neuer und eigenständiger Untersuchungsschritt beschäftigt sich überhaupt nicht mit dem Geschriebenen - oder nimmt es nur am Rande wahr. Stattdessen steht die Beschaffenheit von Papier, Tinte u.ä. im Vordergrund. Man braucht also physikalische, chemische Kenntnisse.

Davon kann die Illustrierte Stern ein Lied singen.
In den 1980er Jahren fiel sie auf einen Fälscher
herein, der ihr für knapp 10 Mio. DM -zig Halbjahres-
bände der Tagebücher verkaufte (von deren Existenz
bis dahin niemand wusste). - Vgl. dazu auch den Film
"Schtonk" von Helmut Dietl. Etappen der Überprüfung:
  - der recherchierende Stern-Reporter hatte ohnehin
    eine Schwäche für Nazi-Relikte (z.B. die Yacht
    von Hermann Göring). Das hat wohl auch den
    kritischen Verstand gelähmt.
  - Der Fälscher hat eine Legende konstruiert, wie
    er in den Besitz der Tagebücher gekommen war:
    gegen Kriegsende Flugzeugabsturz im Raum Dresden,
    Tagebücher kamen in Familienbesitz, Fälscher
    stammte aus jener Gegend;
  - Graphologen bestätigten die Echtheit der Hand-
    schrift - was auch dadurch zustande kam, dass
    der Fälscher (vermeintlich unzweifelhaft echte)
    Vergleichsschriften selbst produziert hatte.
  - Die Erwartung eines Mediencoups und großen Ge-
    schäfts ließ übersehen, dass inhaltlich die
    Tagebücher belanglos waren - "Mundgeruch" Hitlers
    u.ä. - und die eigentlich relevanten Themen -
    "Juden", "Krieg" usw. - nicht vorkamen.  
Derartige historisch/literarisch angelegte Recher-
chen konnten aufgekommene Zweifel bezüglich der Echt-
heit der Tagebücher nicht beseitigen.
   
Die "Bundesanstalt für Materialprüfung" untersuchte das
Papier, fand darin Weißmacher, und wusste, dass
diese chemischen Zusätze in der Papierherstellung erst
nach der behaupteten Entstehungszeit der Tage-
bücher in Gebrauch kamen. 
Die journalistische Jahrhundert-Blamage war perfekt.

9.2 Nächste Fälschung: Galileo Galilei

Vgl. Bericht in SPIEGEL 4/2014. Forscher waren überzeugt, die allererste Fassung, die Korrekturausgabe des "Sternenboten" aus dem Jahr 1610 zugespielt bekommen zu haben. Nach ausführlicher Begutachtung wurde die Echtheit festgestellt. Inhalt u.a. getuschte Zeichnungen, Ansichten des Mondes.

Aber Pech gehabt. Ein junger britischer Renaissance-Forscher wies auf folgendes hin:

- Es gibt vom "Sternenboten" noch eine Reihe
  korrekter Drucke.
- Auf der Titelseite der jetzigen 'Korrekturaus-
  gabe' findet sich ein kleiner, länglicher
  schwarzer Fleck, den es sonst auf den Druck-
  ausgaben nicht gibt.
- Aber jener Fleck entstand auch schon, als man
  1964 ein Faksimile der Druckausgabe produzierte,
  die in Mailand aufbewahrt wird (und die den Fleck
  nicht enthält)
- Also ist das jetzige Titelbild eine Kopie jenes
  Faksimile von 1964, und nicht etwa ein Original
  von 1610.

So wichtig sind manchmal kleine Flecken - und so einfach kann man bisweilen internationale Spezialisten widerlegen.

9.3 Verkokelte Papyri

Dumm, wenn bei einem Vulkanausbruch Papyrusrollen so verkohlen und zusammenpappen, dass bei einem Öffnungsversuch sie auseinanderfallen und zerstört sind - dann ist es vollends aus mit dem Lesen. Auch da helfen nun neue Methoden weiter, vgl. [41].

9.4 Papyrus 3. Jh. n.Chr.

Vgl. [42] - großer Aufwand für - wenigstens Teilrekonstruktion nötig.


10. Motive von Überarbeitern

Wer einen schon vorliegenden, intakten Text verändert, muss Gründe, Anlässe haben, sich dieser Arbeit zu unterziehen. Anders gesagt: Den Text als solchen will er durchaus bewahren, aber einiges darin missfällt ihm - folglich erscheinen ihm Korrekturen (Auslassungen, Ersetzungen, Ergänzungen) notwendig. Im rigidesten Fall sorgt man dafür, dass die Ausgangsfassung verschwindet, sodass Spätere nicht mehr vergleichen können und glauben, die überarbeitete Fassung sei die ursprüngliche.

10.1 Grimms Märchen

... sind günstigerweise in beiden Fassungen überliefert: Urfassung von 1812/14 und überarbeitete Spätfassung von 1819. Was spielte sich dazwischen ab?

Im Nachwort von P. Dettmering der Ausgabe des
Antiqua-Verlags wird anhand des Märchens vom
"Allerleirauh" gezeigt, "wie durchgehend der Urtext
mit der Affinität von König-Vater und König-Bräutigam
arbeitet beziehungsweise ihnen beiden das gleiche an
die goldenen Haare gebundene Liebesmotiv zuschreibt.
Alles das wird in der Spätfassung  von 1819 unterschla-
gen; den Brüdern Grimm blieb nur der Ausweg, die nach-
einander in ihren drei Kleidern erscheinende Aller-
leihrauh immer schöner werden zu lassen, bis der König
zuletzt glaubt, 'daß sie noch niemals so schön gewesen 
wäre'."

Anders gesagt: Die Urfassung spricht bildhaft, aber deutlich, das Thema Inzest an. Die Spätfassung löscht diesen Aspekt nicht, ist aber doch peinlich berührt und mildert daher die Formulierungen im Text ab.

Ein anderes Motiv kann ein pädagogisches sein: die Adressaten (Kinder) sollen seelisch nicht durch die provozierende Ambivalenz der Akteure (z.B. gute und bös-grausame Mutter) überfordert werden. Aber wie immer bei Eingriffen in intakte Texte: es drohen Verschlimmbesserungen:

(VII) "Wenn jedoch aus verstoßenden, ambivalenzge-
ladenen Mutterfiguren durch Textbearbeitung böse
Stiefmütter werden, ist die unausweichliche Folge,
daß der ursprüngliche Sinn des Märchens nur scheinbar
deutlicher, in Wahrheit jedoch verdeckt, 'verrätselt'
wird. ... und umgekehrt werden bedeutungsvoll
wirkende Details neu eingeführt, die nur noch dekora-
tive Füllsel und von den Textbearbeitern offenbar um
der Beschwichtigung und Beschönigung willen erfunden
worden sind. Die drei wachehaltenden Vögel an Schnee-
wittchens Sarg beispielsweise - 'erst eine Eule, dann
ein Rabe, zuletzt ein Täubchen' - sind eine solche
späte Zutat." 

(Als Nebenerkenntnis: Es lohnt nicht, solche redaktionellen Veränderungen mit tiefenpsychologischer Deutung zu großen Erkenntnissen aufzublasen, - unter der fraglosen Voraussetzung, die betreffenden Passagen würden alle von einer Hand stammen.)

11. Rahmenbedingungen der Publikation

11.1 Boris Pasternak, "Doktor Schiwago"

aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.131:

"Um nun eine italienische Ausgabe zu verhindern,
wurde der erste Sekretär des sowjetischen Schrift-
stellerverbands, Alexej Surkow, nach Mailand in
Marsch gesetzt. Nichts in seiner Karriere hatte
Surkow auf feinfühlig-diplomatische Gespräche mit
italienischen Intellektuellen vorbereitet. Er
drohte denen mit dem Ausschluss aus der kommunisti-
schen Partei, falls sie die Veröffentlichung von
Doktor Schiwago unterstützten. Feltrinelli trat
daraufhin aus der kommunistischen Partei aus, viele
seiner Mitstreiter waren über die versuchte Ein-
flussnahme verärgert und verstört, und die
Geschichte erregte am Ende internationales Aufsehen.
Ausländische Beobachter nahmen sie zum Anlass, an
das Schicksal sowjetischer Dichter und Schriftstel-
ler und an die große Zahl der Verhaftungen und
Selbstmorde unter Stalin zu erinnern.
Nachdem dann der Roman 1957 in Italien erschienen
war, kam schließlich auch das Gerücht auf, Pasternak
sei der nächste Kandidat für den Literaturnobelpreis.
In dieser Situation beschloss das sowjetische Staats-
komitee für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland,
uns westliche Korrespondenten zu einem Besuch der
Schriftstellerkolonie Peredelkino einzuladen."

Nach der offiziellen Mitteilung von der Zuerkennung des Nobelpreises:

(138) "Unterdessen bereitete man sich jedoch in den
Redaktionen, insbesondere bei den Organen des
Schriftstellerverbandes, schon auf den Gegenschlag
vor. Pasternaks Roman sei eine übelriechende Schmäh-
schrift und die Verleihung des Nobelpreises ein
sorgfältig geplanter Akt ideologischer Wühlarbeit,
so hieß es in einer offiziellen Erklärung des Ver-
bandes. 'Der innere Emigrant Schiwago, von kleinmü-
tiger und niederträchtiger Spießernatur, ist den
Sowjetmenschen ebenso fremd wie der gehässige lite-
rarische Snob Pasternak. Man muss entweder mit jenen
gehen, die den Kommunismus aufbauen, oder mit denen,
die seinen Vormarsch aufhalten wollen.
Pasternak hat den Weg der Schande und Ehrlosigkeit
gewählt.' Auf einer Massenversammlung von Jungkommu-
nisten, an der Nikita Chruschtschow teilnahm, nannte
der Komsomol-Chef Pasternak 'ein Schwein, das in den
eigenen Futtertrog scheißt', und forderte seine Aus-
weisung aus der Sowjetunion. Die Moskauer Mitglieder
des Schriftstellerverbands stimmten schließlich über
den Ausschluss Pasternaks ab: Die einzige Gegen-
stimme kam vom jüngsten Mitglied, dem sechsundzwanzig-
jährigen Dichter Jewgenij Jewtuschenko."

11.2 SPIEGEL-Affäre 1962

aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.160:

"Und tatsächlich war der Protest gegen die Polizeiak-
tion bald nicht mehr nur eine Sache demonstrierender
Studenten und der Opposition in Bonn, sondern er
erfasste immer mehr Bürger aus unterschiedlichen po-
litischen Lagern. Je mehr Adenauer und Strauß ihre
Vorwürfe steigerten, desto umfassender wurden die
Proteste und Demonstrationen. Auf dem Höhepunkt
der Redeschlacht am 7. November im Bundestag hatte der
86-jährige Kanzler eine hocherregte Erklärung abgegeben:
'Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande.
Wenn von einem Blatt, das in einer Auflage von 500 000
Exemplaren erscheint, systematisch um Geld zu verdienen,
Landesverrat getrieben wird ... (Unterbrechung durch
Zwischenrufe). Auf der einen Seite verdient Augstein
am Landesverrat und zweitens verdient er an allgemei-
ner Hetze gegen die Koalition'. Solche Töne sorgten
auch bei solchen Journalisten und Politikern für
Unruhe, die dem Spiegel grundsätzlich kritisch
gegenüberstanden. Als sich dann herausstellte, dass
Strauß Anweisungen gegeben hatte, zuständige Stellen
und Ministerien im Vorfeld der Untersuchungsaktion zu
umgehen, zerbrach die Regierungskoalition und fand
erst wieder zueinander, nachdem Strauß seinen Rück-
tritt erklärt hatte. Der Versuch, ein kritisches
Presseorgan wie den Spiegel auszuschalten, war
gescheitert.
Im Frühjahr 1965 entschied der Bundesgerichtshof
schließlich, es hätten keine Beweise vorgelegen, die
einen wissentlichen Verrat von Staatsgeheimnissen
belegen könnten. Damit war die Spiegel-Affäre
offiziell beendet."