4.125 Erwartungen, Negationen

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Eine Negation kann nicht helfen, einen Sachverhalt zu beschreiben. Sehen Sie: Dieser erste Satz zu "Negation" enthält ein nicht. Demnach unterstellt er bei Lesern die Meinung, auch mit verneinten Sätzen könne man Sachverhalte beschreiben. Überprüfen Sie, ob diese Unterstellung / Erwartung bei Ihnen zutrifft! Vielleicht aber haben Sie sich diese Frage bislang noch gar nicht gestellt. Dann hätten Sie unbewusst mit Negationen operiert. Heben wir das Thema ins Bewusstsein. Man sollte eben auch positiv beschreiben, was eine Negation leistet:

Eine Negation durchkreuzt jedenfalls Annahmen, Erwartungen des Partners. Das ist ihre Funktion. Eine Sachverhaltsbeschreibung ist mit ihr nicht möglich.

Auf die Vielfalt, wie Negationen in Texten begegnen können, sollte man aufmerksam werden. Und darauf: Addiert man Negationen (doppelte, dreifache usw.), verliert man leicht die logische Übersicht und produziert Schrott.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Allgemein: JA vs. NEIN

In welcher Einzelsprache auch immer und wie darin konkret ein Sprecher ein JA zum Ausdruck bringt - er reagiert damit auf die Aussage eines Partners und teilt ihm mit: Deine Aussage entspricht meinen Erwartungen, meinem Vorwissen, freut mich daher, stößt mich nicht vor den Kopf usw. usw.

Man muss nur sehen, dass ein solches JA = Affirmation mehrschichtig sein kann - was wiederum Anlass für weitere Klärungen ist:

(1) Das JA bestätigt das, was in der Prädikation
zum Ausdruck gebracht wurde, den sachlichen
Gehalt, vgl. 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen
(2) Das JA kann sich aber auch auf den
Sprechakt und damit den Sprecher beziehen und 
mitteilen: Dass Du dieses sagst, wundert mich
nicht, allerdings ist und bleibt es falsch -
so könnte fortgefahren werden,  Vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte
(3) Das JA kann auch lediglich eine
Funktion beim Sprecherwechsel haben, schneidet
dem Partner das Wort ab und zeigt an, dass der
jetzige Sprecher (endlich) zu Wort kommen will: 
4.123 Sprecherwechsel also Funktion: AI

Entsprechend umgekehrt beim NEIN. Es ist genauso zu klären, worauf es sich bezieht: die Prädikation, den Sprechakt, den Sprecherwechsel?

0.2 Brüche in der Wahrnehmung

Unser Geist ist so konstruiert, dass er gerne Gleichartigkeiten lernt und dann unterstellt, sie würden auch weiterhin gelten. Das weiterhin nennen wir dann Erwartungen. Gleichgültig wie inhaltlich gefüllt, kann man den Mechanismus so darstellen:

X
Dahinter verberge sich irgendein sprachliches
Gebilde. Es ist bislang einmal genannt. Man
nimmt es zur Kenntnis wie alle anderen auch. -
Es geht weiter:

(X) X
Auf das erste X folgt noch eines. Es wird zu-
sätzlich als Wiederholung verbucht. Immerhin,
aber der Befund ist noch nicht weltbewegend.
(X  X)  X
Ein drittes Mal das gleiche X. Jetzt steigert
sich die Aufmerksamkeit. Was ist da los? Warum
tritt der Sprecher auf der Stelle? Weiß er
nicht weiter oder will er dieses
Element "X" den Adressaten besonders eindrücklich
übermitteln?
So könnte es weitergehen. Im Extremfall liegt
folgende Struktur vor:
X  X  X  X  X  X  X  X  Y 
d.h. der Sprecher hat die Rezipienten durch viele
"X" daran gewöhnt, dass nur noch "X" folgen werde
- wozu auch immer.
Diese Erwartung, die immer stärker wurde,
wird aber spät durchbrochen. Obwohl das "Y"
nur einmal genannt wird, ist es durch die
vorangegangene gleichartige Reihe
extrem hervorgehoben. Was man Betonung
nennt, kann also auch auf diese subtile Weise
verwirklicht werden. Kontrastprinzip nannte 
diesen Mechanismus M. Riffaterre. 

0.3 Adenauer + Chruschtschow 1956: Streit

Streit entsteht nun mal, wenn Erwartungen nicht zusammenpassen.

aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.97:

Am Konferenztisch hatten sich Szenen mit
Gefühls- und Wutausbrüchen ereignet, die an
Dramatik alles übertrafen, was die deutschen
Politiker und Diplomaten auf internationalen
Konferenzen mit westlichen Mächten je erlebt
hatten. Chruschtschow redete Adenauer in der
Erregung manchmal mit "Du, Konrad" an, drohte
mit den Fäusten, Adenauer drohte zurück.
Chruschtschow schrie, Adenauer beleidige das
sowjetische Volk, wenn er behaupte, auch sow-
jetische Soldaten in Deutschland hätten
schreckliche Dinge getan. Adenauer wehrte sich
entschieden gegen den Vorwurf, er sei ein
Kriegstreiber, der Hitlers Politik gegen die
Sowjetunion wiederaufnehmen wolle. Wenn sich
die Gelegenheit geboten hätte, beteuerte
Adenauer, hätte er Hitler mit eigenen Händen
erwürgt.

0.4 Negation verschiedenartig sprachlich ausgedrückt

... nur selten durch direkte Negationsworte. P. Handke in "Publikumsbeschimpfung" (edition suhrkamp 177) - (Auszug): (80)

"Ich bin auf Wegen gegangen, auf denen zu gehen
verboten war. Ich bin nicht auf Wegen gegangen,
wenn auf Wegen zu gehen geboten war. Ich bin
auf Wegen gegangen, auf denen ziellos zu gehen
sündhaft war. Ich bin zielbewußt gegangen, wenn
ziellos zu gehen geboten war. Ich bin auf Wegen
gegangen, auf denen mit einem Ziel zu gehen
verboten war. Ich bin gegangen. Ich bin ge-
gangen, wenn selbst das Gehen verboten und
gegen die guten Sitten war. Ich bin durch
Passagen gegangen, die zu passieren konfor-
mistisch war. Ich habe Grundstücke betreten,
die zu betreten eine Schande war. Ich habe
Grundstücke ohne Ausweis betreten, die ohne
Ausweis zu betreten verboten war. Ich habe
Gebäude verlassen, die zu verlassen unsoli-
darisch war. Ich habe Gebäude betreten, die
mit bedecktem Kopf zu betreten unschicklich
war. Ich habe Gebiet betreten, das zu betre-
ten untersagt war. Ich bin in ein Staatsge-
biet eingereist, in das einzureisen verboten
war. Ich bin aus einem Staatsgebiet ausge-
reist, aus dem auszureisen staatsfeindlich
war. Ich habe Straßen in einer Richtung be-
fahren, in die zu fahren undiszipliniert war.
Ich bin in Richtungen gegangen, in die zu
gehen unstatthaft war."

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Mittel für Negation

Negation durch Partikel: nie, niemals, keineswegs, nirgendwo
Negation durch Affixe: un-, de-, a-, ab-, an-,-los
Negation durch Verben: verlieren, vergessen, absagen, widerstehen, leugnen
Negation durch Nomina: Blödsinn, Abwesenheit, Ablehnung, Leere, Verlust
Negation durch Floskeln/Sprichwörter: "da hast du falsch gedacht", "Das kannst du dir abschminken", "Ist das dein Ernst?"
Negation durch Gesten: Kopfschütteln, Abwinken, Augen verdrehen, wegwerfende Handbewegung, "Scheibenwischer", einen Vogel zeigen
Doppelte Negation: "niemand nicht", veraltet oder lyrische Sprache für "wirklich niemand"

1.2 Mann/Frau

Die Erwartungen an Dialogpartner können nach Geschlecht sehr unterschiedlich sein. Wird mit dieser Möglichkeit nicht gerechnet, kann es sein, dass der Dialog scheitert, u.U. auch die Beziehung. Es folgen erste Andeutungen, die aber - von anderen - weiter präzisiert und entfaltet werden können/sollten:

Mann: Hört er von einer Dialogpartnerin lange
Darlegungen von Problemen und Schwierigkeiten,
fühlt er sich aufgerufen, nach Wegen für Lösungen
zu suchen. Er wird sich einarbeiten und sukzes-
sive versuchen - so weit es ihm möglich ist -
Vorschläge zur Problembehebung zu machen. -
Auf Dauer kann/wird es so sein, dass sich der
Mann nicht nur herausgefordert, sondern auch
angestrengt, vielleicht auch überfordert fühlt.
An dieser Stelle verliert er die Lust am Dialog,
die Kommunikationsbeziehung ist bedroht.
Frau: Viel stärker verarbeitet sie Probleme
und Schwierigkeiten dadurch, dass sie sie
formuliert, für sich selbst oder einem Partner
gegenüber. Mit der Formulierung ist nicht
automatisch die Bitte um Lösungen verbunden,
höchstens die Bitte, gehört zu werden.
All die ausgebreiteten Inhalte sind somit
nicht wirklich für den Dialogpartner bestimmt.
Gelöst und bearbeitet werden sie weitgehend
von der Frau. Für sie würde häufig genügen
eine phatische Reaktion (Bestätigung,
dass man zugehört hatte) und vielleicht eine
mitfühlende Wertung ("armes Schwein" :-)  )
zu erhalten.

1.3 Ökumene/Papstbesuch

Vom Papstbesuch (Herbst 2011) u.a. in Erfurt, wo Martin Luther im Kloster gewesen war, erhofften sich viele ein substanzielles Signal ökumenischer Annäherung. Darauf Benedikt xvi.:

"Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube
ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln."
      "Glaube" materialistisch verstanden als
      "Produkt". Dieses Verständnis wird - natürlich
      - zurückgewiesen. Bei uns gehört diese
      Geistesfunktion den Modalitäten an: 
      vgl.  4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE,
      und bezeichnet ein Ahnen, Vertrauen, Überzeugt-
      Sein, das in der Tat nicht einfach "gemacht",
      "errechnet" oder "herbeigezwungen"  werden
      kann.
Vielmehr komme es darauf an, gemeinsam im Glauben
zu wachsen, so der Papst.
      Laut 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen  könnte man sagen: 
      "Glauben" kann zwar einer Veränderung unter-
      liegen. Sie ist aber nicht willentlich-aktiv
      herbeigeführt (initiativ), sondern ein
      Veränderungs-Prozess (fientisch), nicht
      so sehr eine Tat, eher ein unverfügbares
      Geschenk. 
"Nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in
den Glauben wächst Einheit."
      Bestätigung unserer Gedanken.

Die Wirkung einer solchen Aussage besagt aber: Ich will darüber nicht reden, auf keinen Fall wird sich unsere Position ändern = NI. Woran lässt sich diese Deutung sprachlich festmachen?

- "Glaube" und "katholische(s) Praxis/Kirchen-
  verständnis" werden gleichgesetzt. "Glaube"
  als seelischer Prozess im einzelnen Menschen
  ist etwas völlig anderes als das, was die
  römische Kurie zur kirchlichen Praxis und
  Lebensführung vorschreibt. - Diese Unterschei-
  dung wird nicht gemacht, folglich muss die
  Papstaussage für die real anwesenden Pro-
  testanten als schallende Ohrfeige bewertet
  werden, eingehüllt in viel diplomatische
  Freundlichkeit.
- Selbstverständlich "machen" die Kirchen,
  gerade auch die katholische, sehr viel, in
  Form von Gemeindearbeit, Riten/Liturgie,
  Unterweisung, soziale Dienste. Ebenso selbst-
  verständlich ist es, dass in diesen Bereichen
  Veränderungen "gemacht" werden können - das
  ist längst schon so durch die Jahrhunderte
  hindurch. Keine Kirche heute präsentiert sich
  so wie die Urgemeinde vor 2000 Jahren. Folg-
  lich ist es taktisches Nebelwerfen, wenn der
  Papst veränderndes Tun für unmöglich erklärt.
  Außerdem leugnet er seine absolutistische
  Machtfülle.
  Alles kirchliches Menschenwerk hat die Funk-
  tion, dem "Glauben der Menschen" zu dienen,
  ist aber nicht identisch mit ihm.
- Aber von "den Menschen" war nicht gesprochen
  worden. Nur vom "Glauben". Diese menschen-
  ferne geistige Größe ist somit verstanden
  als ideologisches Gesamtsystem, als katho-
  lisches natürlich, an dem nicht gerüttelt
  werden kann. Ein solches ist aber immer
  "gemacht". Es ist eine vollkommene Verdre-
  hung, davon ein "Wachsen" auszusagen. Es
  geht nämlich in diesem Verständnis nicht
  um individuelle seelische Prozesse, sondern
  um intellektuelle Konstruktionen. Hier wäre
  also genügend Spielraum für aktives Ein-
  greifen.

Aber "Seine Heiligkeit" blockt ab: NI

2. Einzelsprache: Englisch

2.1 Mittel für Negation

Negation durch Partikel: no, not, never, nary, neither
Negation durch Affixe: deactivated, disabled, unknown, useless
Negation durch Verben: fail, cease, cancel, do not (don't), relinquish, abandon, renounce
Negation durch Nomina: loss, absence, denial
Negation durch Floskeln/Sprichwörter: "wait your turn!", "gone wrong", My sympathies
Negation durch Gesten: sich abwenden, Kopf schütteln, talk to the hand
Doppelte Negation: "ain't no", "can't ... no", "don't ... no"
Doppelte Negation: I haven't seen nothing - Ich habe überhaupt nichts gesehen
Doppelte Negation: I don't feel nothing - Ich fühle gar nichts

3. Einzelsprache: Französisch

3.1 Mittel für Negation

Negation durch Partikel:non,jamais,ne pas,pas,ne,aucun,personne.
Negation durch Verben:oublier,perdre,arrêter,renoncer,abandonner,ignorer,nier.
Negation durch Nomina:la folie,l´abandon,le vide, l´insuffisance.
Negation durch Floskeln/Sprichwörter:t´es fou ou quoi?,t´es sérieux là?,oublie,arrête,ignore le,abandonne.
Negation durch Gesten:Kopfschütteln, Abwinken, Augen verdrehen,Augenbrauen hochziehen,Mund aufreisen.
Negation duch Päfix :....(savantageuse), a....(anormal),in....(incompréhensible).
Doppelte Negation:ne ... pas, ne ...aucun,personne ...ne,in(ne pas),ni l'un ni l'autre.
Beispiele für doppelte Negation:Il n’a fait aucun effort,ne pas faire,Personne n’est venu,Son attitude est incompréhensible (= elle ne peut pas être comprise).

4. Einzelsprache: Arabisch

4.1 Mittel für Negation

Negation durch Partikel: لا – لم – لما – لن – ما – ليس
Negation durch Verben: ضاع : verloren - نفى : negiert
Negation durch Nomina: مستحيل : unmöglich
Negation durch Floskeln/Sprichwörter: "الوصول الى القمر اسهل : Der Mond zu erreichen ist einfacher "
Negation durch Gesten: Kopfschütteln, komische Geräusche machen, Mund verziehen
Doppelte Negation: "لا يمكن ان لا: unmöglich, dass er nicht - لا اريد ان لا : Ich will nicht, dass ich nicht"

4.2 Es geht auch non-verbal

Vgl. das Zitat S.92 aus der Erzählung von Rafik Schami in: [1]

5. Einzelsprache: Schwäbisch

5.1 Generalstreik gegen Hitler

Do isch neana nonz gwäa als wia do - doppelte Negation ("nirgendwo nichts"), um bezogen auf den 31.1.1933 mit großem Nachdruck die Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen, dass lediglich in dem Dorf an der Schwäbischen Alb/südlich von Tübingen 900 Menschen gegen die Regierungsübernahme durch Hitler demonstriert haben, im restlichen Deutschland folgte niemand dem Aufruf zum Generalstreik (durch die KPD). - Die Mössinger können darauf im Nachhinein stolz sein (sind es aber nur zum Teil - die "KPD" dient(e) als Vorwand, es doch lieber mit Hitler zu versuchen ...). Die einfachen Handwerker jedoch waren hellsichtig.

5.1.1 Doppelte Negation und Nachtrag zu Generalstreik / Pink Floyd

Kolumne "Schwäbisch auf Anfrage" vom 31.10.2014 / H. Petershagen (SWP)

"...Die doppelte Verneinung ("Nirgends nichts")
ist zwar nicht deutsch, aber im Schwäbischen sagt
man neana nix, neana neamer, neana koiner, do
hot neamer nix g'sait" usw. Haben wir die
doppelte Verneinung von den Spaniern gelernt oder
die Spanier von uns?"
Zunächst muss erklärt werden, was neana und
neamer heißt. Neamer ist eine der
schwäbischen Formen von niemand und neana
bedeutet nirgends. Als nienen findet man
es auch im Grimm'schen Wörterbuch. Es geht zurück
auf das mittelhochdeutsche niene. Also ist
neana nix = nirgends nichts, neana neamer =
nirgends niemand und
neana koiner = nirgends keiner. Und
"do hot neamer nix g'sait" heißt "da hat
niemand nichts gesagt".
Nun zur Hauptfrage der doppelten Verneinung: Die
gilt nach den gängigen Regeln als Bejahung: wenn
niemand nichts sagt, hat nach den Gesetzen der
Logik jeder etwas gesagt. Aber so ist das nicht
gemeint, wenn der Schwabe feststellt, es häbe
neaner nix g'sait. Das soll vielmehr bedeuten,
dass keiner das Maul aufgemacht hat.
Damit sind die Schwaben aber keineswegs alleine.
Wenn etwa Manfred Mann singt
"You'll not seen nothing like the Mighty Quinn",
meint er, es gebe niemanden, der dem gewaltigen
(Eskimo) Quinn gleiche, obwohl die wörtliche
Übersetzung lautet:
"Ihr werdet nicht nichts sehen wie den gewaltigen
Quinn." Oder wenn Pink Floyd singen
"We don't need no education" sagen sie
"Wir brauchen nicht keine Bildung", meinen
aber, dass sie keinen Schuldrill benötigen. 
Bei den Italienern und den Spaniern ist die
doppelte Verneinung in bestimmten Fällen Pflicht,
etwa im Fall von "non ha detto niente"
respektive "no ha dicho nada", was
wörtlich übersetzt heißt
"(er) nicht hat gesagt nichts".
Man kann diese doppelte Verneinung als Verstärkung
der negativen Aussage betrachten. Die wurde in
mehreren Sprachen nötig, als die ursprüngliche
Verneinungspartikel an Schwindsucht litt. Wurde
beispielsweise im Althochdeutschen nur mit ni
verneint: "ni bim sioh" = ich bin nicht krank,
so wurde im Mittelhochdeutschen auch "ich enbin
niht siech" verdoppelt. Das betonte ni war
zu einer unbetonten Vorsilbe en- verkümmert,
die einer Verstärkung durch niht bedurfte.
Damals entstanden dann auch Doppelverneinungen wie
nieman niht. Die haben sich später aus dem
Neuhochdeutschen zurückgezogen, wozu im 19. Jahr-
hundert die Schulmeister wesentlich beigetragen
haben in ihrem Bemühen, die Sprache logischer zu
gestalten. Doch in den Mundarten hat sich die
doppelte Verneinung gehalten.

5.2 Negation per Sprichwort

Aus H. Petershagen SWP 9.3.13:

"Wenn die Eltern eine kindliche Anfrage, z.B. zu
einem Kinobesuch ... auf die lange Bank schieben
wollten, so war des Öfteren zu hören: 'Jo, viel-
leicht am Bemberlesdag, wenn d'Eula bocket,
das hieß dann soviel wie 'gar nie (oder noch
später)'!"  ...
   Tatsächlich sagt der elterliche Spruch zwei-
mal dasselbe. Er ist einer von unzähligen, die
einen Termin nennen, der nie kommt. Eine der
bekanntesten Versionen ist lateinisch und
lautet ad  Kalendas Graecas - an den
griechischen Kalenden. Die Kalenden waren ein
Datum im römischen Kalender, das der griechi-
sche Kalender aber nicht kannte. Dieser
Termin war ein Widerspruch in sich - es gab
ihn nicht. ...
   [Eulen, laut Lexikon:] Das Lexikon meldet
aus Königsberg das gleichbedeutende
Wenn de Uhl ehr Orsch Knoppes kreggt!
(Wenn der Arsch der Eule Knospen kriegt). Es
gibt sehr viele Nimmertags-Metaphern aus dem
Tierreich, etwa wenn die Böcke lammen (Läm-
mer kriegen) oder
wenn die Katzen Ganseier legen usw.
   [St. Nimmerleinstag] ...Die Schwaben haben
noch weitere Namen für den Nimmertag ent-
wickelt - nota bene ohne Sankt-: den
Bemberlesdag, Memmerlesdag, Memmemmerlesdag,
Jämmerlesdag, Hämmerlesdag, Emmerlingsdag
oder Guckelesdag, in dem wohl der Kuckuck
steckt.
   An diesen Bezeichnungen fällt auf, dass
Hämmerle - genauer gesagt Meister Hämmerle
- ein Name des Teufels ist - was auch für den
Kuckuck zutrifft. Ist der Tag, den es nicht
gibt, der Tag des Teufels?
   Der Teufel, dessen Namen man lieber nicht
aussprach, könnte auch in den anderen Bezeich-
nungen stecken. So könnte der Hämmerlesdag
vorsichtshalber zum Memmerlestag oder
Jämmerlestag oder Emmerlingstag ver-
fremdet worden sein. Zieht man in Betracht,
dass bembere "klopfen" bedeutet - man denke
an das berühmte 'Kommando bemberle ' -
und etwa dasselbe ist wie hämmerle, wäre
der Bembemperle eine sogar doppelt abge-
sicherte Verfremdung des Teufelsnamens. Der
Beweis dafür folgt am Bembemperlestag."

6. Literarische Beispiele

6.1 "Reicher Mann - armer Lazarus"

Der Text des Gleichnisses ist abgedruckt in: 4.11311 Übertragener Sprachgebrauch - operationalisiert/32. Der Dialog im Gleichnis ist bildhaft ein eindrucksvolles Zeugnis für eine vollkommen verschiedene Ausgangsbasis ("Höllenfeuer, Abraham [im Himmel]") der Gesprächspartner, so dass man sich gegenseitig nichts zu sagen hat. Die Bitten des Lazarus werden von Abraham spektakulär abgeschmettert.

6.2 Negation durch (Gegen-)Fragen

Und durch Vielzahl von Fragen: heftig. - P. Handke in "Publikumsbeschimpfung" (edition suhrkamp 177) - (Auszug): (77)

"Gegen welche Gesetze des Theaters habe ich mich
vergangen?
Gegen welche vitalen Interessen habe ich mich
vergangen?
Gegen welches sanfte Gesetz habe ich mich
vergangen?
Gegen welches Faustrecht habe ich mich
vergangen?
Gegen welches Gebot der Stunde habe ich mich
vergangen?
Gegen welche Lebensregeln habe ich mich
vergangen?
Gegen welche Bauernregeln habe ich mich
vergangen?
Gegen welche Liebesregeln habe ich mich
vergangen?
Gegen welche Spielregeln habe ich mich vergangen?
Gegen welche Regeln der Kosmetik habe ich mich
vergangen?
Gegen welche Regeln der Kunst habe ich mich
vergangen?
Gegen welche Rechte der Stärkeren habe ich mich
vergangen?
Gegen welche Forderung der Pietät habe ich mich
vergangen?
Gegen welche Gesetze der Gesetzlosen habe ich
mich vergangen?
Gegen welches Verlangen nach Abwechslung habe
ich mich vergangen?
Gegen welche Gesetze für Diesseits und Jenseits
habe ich mich vergangen?
Gegen welche Gesetze der Rechtschreibung habe
ich mich vergangen?
Gegen welches Recht der Vergangenheit habe ich
mich vergangen?
Gegen welche Gesetze des freien Falls habe ich
mich vergangen? 
Habe ich mich gegen die Regeln, Pläne, Postulate,
Grundsätze, Etiketten, Satzungen, allgemeinen
Meinungen und Formeln der ganzen Welt vergangen?"

6.3 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meister-Erzählungen. Stuttgart 1973. 'Hans Dierlamms Lehrzeit' - Negationen/Erwartung vielfältig, direkt ausgesprochen, indirekt erschließbar.

(189f) "'Ich fahre nach Eßlingen, dort ist
mir schon lange eine Stelle angeboten. Und
wenn's dort nichts ist, auf die Wanderschaft.'
'Und denkst nicht auch an mich?'
'Mehr als gut ist. Ich weiß nicht, wie ich's
aushalten soll. Ich meine immer, du solltest
halt mitkommen.'
'Ja, das wäre schon recht, wenn's ginge.'
'Warum geht's denn nicht?'
'Ach, sei doch gescheit! Du kannst doch nicht
mit einem Frauenzimmer wandern gehen wie die
Vagabunden.'
'Das nicht, aber wenn ich die Stelle habe -,'
'Ja, wenn du sie hast. Das ist's gerade. Wann
willst du denn verreisen?'
'Am Sonntag.'
'Also dann schreibst du vorher noch und meldest
dich an. Und wenn du dort unterkommst und es
geht dir gut, dann schreibst du mir einen Brief
und wir schauen dann weiter.'
'Du mußt dann nachkommen, gleich.'
'Nein, zuerst mußt du dort schauen, ob die
Stelle gut ist und ob du bleiben kannst. Und
dann geht es vielleicht, daß du mir auch eine
Stelle dort besorgst, gelt? Und dann kann ich
ja kommen und dich wieder trösten. Wir müssen
halt jetzt eine Weile Geduld haben.'
'Ja, wie's in dem Lied heißt: >Was steht den
jungen Burschen wohl an? Geduld, Geduld, Geduld!<
- Der Teufel hol's! Aber du hast recht, das
ist wahr.'
Es gelang ihr, ihn zuversichtlicher zu machen,
sie sparte die guten Worte nicht. Zwar dachte
sie nicht daran, ihm jemals nachzureisen, aber
einstweilen mußte sie ihm recht Hoffnung
machen, sonst wurden diese nächsten Tage uner-
träglich. Und während sie ihn eigentlich schon
fahren gelassen hatte und während sie über-
zeugt war, er werde in Eßlingen oder anderswo
sie bald vergessen und eine andere finden,
ward sie dennoch im Vorgefühl des Abschied-
nehmens in ihrem beweglichen Herzen zärtli-
cher und wärmer, als sie seit langer Zeit
gegen ihn gewesen war."