4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen)

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Wer einen Text liest, fängt geistig ja nicht beim Nullpunkt an, sondern hat schon vielerlei Lebenserfahrung gesammelt, in der Ausbildung sich spezialisiert, hat Literaturkenntnis. - Diesen breiten Wissensschatz kann, ja muss ein Autor voraussetzen. Sonst müsste er den Lesern alles bis ins kleinste Detail vorkauen und käme nie zu seinem eigentlichen Thema. Es geht in dem Modul also um vorausgesetztes = präsupponiertes Wissen, in beiden Hinsichten:

  • lebensweltliches, auch physikalisches Standardwissen; sehr vieles, was selbstverständlich und problemlos zu gelten hat, setzen wir in unserem Sprechen voraus;
  • auch kommunikatives Standardverhalten, vielfach erlebt oder selbst praktiziert, bringen wir in Kommunikationen ein.

Mit dem doppelten Standardwissen kann ein Sprecher absichtlich oder 'aus Versehen' spielen und so entweder einen 'sprachlichen Unfall' produzieren, der einige Nacharbeit verlangt. Oder es entsteht - gewollt - ein sprachlich interessanter Effekt: er sagt einiges zum Verhältnis von Sprecher und Kommunikationspartner.

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0. Nachträge zur Theorie

0.1 John Cage

Einem Berufsmusiker erklärte ich, der Hobbymusiker, ich könne von John Cage dessen Stück 4"33 - es heißt wirklich so - spielen, wenn es sein müsse, sogar auf sehr verschiedenen Instrumenten. Der Musiker kannte das Stück nicht, staunte aber nicht schlecht über mein Beherrschen eines radikal-modernen Werkes - und dies gar noch auf unterschiedlichen Instrumenten!

Ausformuliert heißt der Titel:
"4 Minuten, 33 Sekunden". Und zu hören ist
einfach nichts. Der Musiker - gleichgültig
an welchem Instrument - produziert keinen
Ton. Braucht folglich auch keine ausgefeilte
Technik... Er sollte nur präzis seine
performance wieder beenden.

Damit macht Cage die Rückseite jeder Musik wahrnehmbar: die Stille, die Pausen, die Bedeutung der Nicht-Töne - insofern die Präsuppositionen. --Hs

0.2 Menschenrechte

Im 18. Jhd. gab es viele Marksteine - beginnend mit dem Philosophen John Locke, endend mit der Erklärung der Menschenrechte im Kontext der französischen Revolution (1789) -, die den Anspruch des Individuums auf einige Grundrechte herausarbeiteten. Einer dieser Marksteine war auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776. Sie beginnt in einer damals herausgegebenen deutschen Übersetzung so (aus wikipedia):

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht,
daß alle Menschen gleich erschaffen worden,
daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen un-
veräußerlichen Rechten begabt worden, worun-
ter sind Leben, Freyheit und das Bestreben
nach Glückseligkeit. Daß zur Versicherung
dieser Rechte Regierungen unter den Menschen
eingeführt worden sind, welche ihre gerechte
Gewalt von der Einwilligung der Regierten
herleiten; daß sobald einige Regierungs-
form diesen Endzwecken verderblich wird, es
das Recht des Volks ist, sie zu verändern
oder abzuschaffen, und eine neue Regierung
einzusetzen, die auf solche Grundsätze ge-
gründet, und deren Macht und Gewalt solcher-
gestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhal-
tung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am
schicklichsten zu seyn dünket.
Zwar gebietet Klugheit, ..."

Ein epochemachender Text, dessen Spuren bis in die Verfassungen heutiger Staaten reichen, eine Grundlegung demokratischen Miteinanders.

Das Thema der Präsupposition beginnt dort, wo an den Text eine Frage gestellt wird. Stellt man sie nicht, so beherrscht die Wortbedeutung das Feld - und die kommt uns heute noch sympathisch und 'modern' vor. Dagegen deckt die - simpel und unnötig klingende - Frage auf, dass doch noch gewaltige Unterschiede zwischen damals und heutiger Zeit bestanden, die erst noch in der Zwischenzeit überwunden werden mussten.

alle Menschen - damals war abgemacht =
präsupponiert, dass damit nur die weißen
Siedler mit europäischen Wurzeln, mit christ-
lichem Hintergrund, gemeint sein konnten.
Und selbst da gab es den entscheidenden Un-
terschied: Männer waren primär gemeint -
(wieso sonst bis ins 20. Jhd. die
Womens Lib-Bewegung?)
Anders gesagt: die "indigene Bevölkerung",
also die Menschen, die von den Kolonisten
angetroffen worden waren, galten 'natürlich'
nicht als "Menschen" - sie konnte/musste man
unterwerfen, ausbeuten, mit Alkohol gefügig
machen, und wenn sie sich wehrten, mit den
überlegenen 'Feuerwaffen' töten. - Zu den
Menschen zählten auch nicht die aus Afrika
importierten "schwarzen Sklaven". Mit ihnen
konnte/durfte genauso rücksichtslos umgegan-
gen werden. Und wie erwähnt: "Frauen" waren
ebenfalls nicht gleichberechtigt. Der Text
unterstreicht das Streben nach Glückseligkeit
jedes Menschen. Im Blick auf die genannten
Bevölkerungsgruppen blieben Folter und
Lynchjustiz, das Fernhalten vom Wahlrecht
und von politischen Ämtern lange die Praxis.
An eine Beteiligung an demokratischer Wil-
lensbildung, an selbstbestimmtes Leben war
noch lange nicht zu denken.  

Es dauerte bis ins 20. Jhd., erforderte viele Kämpfe und Bürgerrechtsbewegungen, schloss in der langen Zeit viele Opfer an Menschen ein, bis auch diese Bevölkerungsgruppen die gleichen Rechte erkämpft hatten, wie sie seit 1776 für die weißen Siedler galten. Noch in der 2. Hälfte des 20. Jhd. bezahlte einer der Vorkämpfer, Martin Luther King, seinen Einsatz mit dem Leben, vgl. [1]. Erst im 21. Jhd. konnte ein Schwarzer Präsident werden. - Erst in unserer Zeit unterhöhlt nicht mehr das vorausgesetzte Verständnis die wörtliche Bedeutung. Die rassistische Schizophrenie, die die Vorherrschaft einer Bevölkerungsgruppe sicherte, - darin aber auch erst der Angehörigen männlichen Geschlechts! -, ist überwunden - wenn auch sicher noch nicht in allen Köpfen.


aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.69:

"In weiten Teilen des Landes, und nicht nur
in seinen südlichen Staaten, war die Segrega-
tion schlichtweg eine allgemein akzeptierte
Tatsache. Einer meiner älteren deutschen Kol-
legen formulierte das so: 'Wenn es der großen
Mehrheit der Bürger eines Landes so gut geht
wie hier, aber fünfzehn Prozent in schlechten
Verhältnissen leben, dann muss man jede Ver-
änderung vermeiden, durch die die Mehrheit in
ein schlechteres Leben gezwungen wird.' Darin
war er sich mit den allermeisten weißen Ameri-
kanern einig, von denen manche die Gleichbe-
rechtigung als Prinzip akzeptierten, die Ras-
sentrennung aber durchaus für gerechtfertigt
hielten."

In den 1960er Jahren:

(169) "Der Stadtteil Georgetown, älter als die
Hauptstadt Washington selbst, war fast aus-
schließlich von Schwarzen bewohnt gewesen,
aber eine Reihe reicher, junger Politiker hat-
te die Schönheit der heruntergekommenen Häuser
aus dem 18. und 19. Jahrhundert entdeckt. Nun
waren fast alle Schwarzen aus Georgetown in
rein schwarze Viertel gezogen, und reiche
Weiße hatten die alten Häuser für sich umge-
baut. Auch John F. Kennedy und seine Frau
Jacqueline hatten eines der restaurierten
Gebäude bewohnt, ehe sie ins Weiße Haus wech-
selten.
   Ich wollte einige Straßen von ihrer ehe-
maligen Adresse entfernt eines der restau-
rierten Häuser mieten, erschrak aber, als
ich den Vertrag unterschreiben sollte. Darin
stieß ich auf eine Klausel, wonach dieses
Haus nicht an Schwarze, Juden oder Araber
verkauft oder vermietet werden dürfe. Das
könne ich nicht unterschreiben, sagte ich,
schon gar nicht als Deutscher. Der amerika-
nische Makler konnte das nur schwer verste-
hen. Der 'title', das offizielle Besitzdo-
kument, sei nur unter größten Schwierig-
keiten abzuändern.
Im Übrigen spiele dieser Vorbehalt so gut
wie keine Rolle mehr und sei schon seit
einiger Zeit nicht mehr gerichtlich durch-
setzbar. Ich solle mir also keine Gedanken
und Umstände machen.
Aber darauf wollte ich mich als Deutscher
nicht einlassen. Ich fand unter meinen Be-
kannten einen jüdischen Rechtsanwalt, der
mir half und einen Anhang zum Dokument
durchsetzte, in dem diese rassistische
Klausel für unwirksam erklärt wurde."

0.2.1 Aristoteles - 4.Jhd.v.Chr.

Das in Ziff. 0.2 kritisch betrachtete Verständnis von "alle Menschen", war seit der Antike damals, im 18. Jhd., noch selbstverständlich gewesen. aus: H. Flashar, Aristoteles. Lehrer des Abendlandes. München 2013. S.135f:

"Auf der anderen Seite gibt es in dem aristo-
telischen Entwurf einzelne, sich dann aber
auch auf das Ganze auswirkende Bestimmungen,
die uns befremden, ja sogar befremdlich er-
scheinen müssen. Das betrifft vor allem die
überaus starke Einschränkung des Kreises der
Bürger.
Zwar finden sich wiederholt Formulierungen
wie 'alle', 'jeder', 'der Mensch', 'alle
Menschen', doch sind damit immer nur die
'Bürger' gemeint. Bürger aber sind nicht
Sklaven, Frauen, Jugendliche, Bauern, Hand-
werker, Gewerbetreibende. ... Wer Bürger
ist, wird rein von der Funktion her gedacht;
es ist der planende, von jeglicher Handar-
beit befreite, zum Regieren fähige Typ, der
dann im 'Reihendienst' als Freier über Freie
(aber natürlich auch Unfreie) herrscht."

0.3 Prägungen, mitgebrachter Denkrahmen, -horizont

Jede/r bringt seine/ihre derartige 'Mitgift' in Kommunikationen ein - schließlich beginnen wir geistig bei einer neuen Kommunikation nicht bei Null. Vielmehr ist schon vielerlei Wissen, Wertungen, Einstellungen - oft konfliktreich erarbeitet - erworben worden. Wenn es keine Notwendigkeit gibt, keine Warnzeichen, dann wird dieser mitgebrachte Denkrahmen bei einem neuen Dialog nicht thematisiert. Sondern er fließt als - selbstverständliche - Präsupposition ein.

Das kann zu groben Missverständnissen führen - weil eben die Prägungen der Partner hie und da deutlich verschieden sind. Das Problem kann bei beiden, beim Sprecher und beim Hörer, zu lokalisieren sein. Der erste rechnet nicht mit gänzlich anderen Denkvoraussetzungen beim Partner; der Hörer ist nicht informiert über die Unterschiede im Hintergrund und nimmt übel.

Eine Dame verfolgte via TV-Nachrichten die Vor-
stellung des Stellvertreters des amtsenthobenen
Limburger Bischofs. Im Gespräch mit der Presse
äußerte der Stellvertreter:
"Meine Demut ist mein ganzer Stolz." Die Dame
berichtete empört über diese Arroganz und Unver-
frorenheit.

Was lässt sich dazu sagen?

  • Die Berichterstatterin ist durch und durch evangelisch sozialisiert. Aus dieser Optik heraus nahm sie die katholischen Vorgänge wahr.
  • Die zitierte Äusserung ist ein Paradoxon. Dafür wäre bei uns zuständig: [2]. Es ist eine offenkundige Stilfigur, die auf keinen Fall als wörtlich seriöse Mitteilung genommen werden darf. Täte man das, würde man dem Sprecher zusätzlich eine grenzenlose Dummheit unterstellen.
  • Mit Einblick in innerkatholisches Milieu: die Äußerung ist als alter Witz hinreichend bekannt, wurde schon ganz verschiedenen Sprechern in den Mund gelegt (z.B. auch Nonnen).
  • Es bleibt die Frage, warum der Bischofsstellvertreter so geantwortet hat, welche Funktion im Dialog das Paradoxon bzw. das Witzchen hatte. Vermutung - da der weitere Kontext der Pressekonferenz nicht vorliegt: NI aus [3]. Umschreibend ausformuliert: "Ich liefere Euch etwas zum Schmunzeln, lasst mich dafür ab jetzt aber in Ruhe: Ich will nichts mehr sagen."

Fazit: Bezogen auf diesen konkreten Fall kann man der evangelischen Seite mehr Sprachbewusstsein wünschen, der katholischen etwas mehr an Bewusstsein, dass es außerhalb der kath. Kirche auch eine geistige Welt gibt ;-), die u.U. abgedroschene Witzchen nicht auf Anhieb versteht. Mehr an Originalität, bitte! - Insgesamt ist dies ein überzeugendes Beispiel dafür, dass unterschiedliche Denkrahmen eine Äußerung in komplett anderer Interpretation verstehen lassen.

0.4 Wortbedeutung / gemeinte Bedeutung - das reicht nicht

Wer bis hierher in der Alternativ-Grammatik vorgedrungen ist, hat schon viel geleistet. Die Wortbedeutung eines Satzes wurde analysiert. Auf im Text enthaltene Irritationen hin auch die gemeinte Bedeutung. Das ist prima. Nur - leider - ist damit das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Schon der Philosoph Ludwig Wittgenstein wies darauf hin, dass wir nicht bei der 'Sprache' hängen bleiben, sondern eine solche beurteilen vor dem Hintergrund unserer Lebenserfahrung:

"Wir beurteilen eine Handlung nach ihrem Hinter-
grund im menschlichen Leben ... Der Hintergrund
ist das Getriebe des Lebens ... Wie könnte man
die menschliche Handlung beschreiben? Doch nur,
indem man die Handlungen der verschiedenen Men-
schen, wie sie durcheinanderwimmeln, zeigte.
Nicht, was Einer jetzt tut, sondern das ganze
Gewimmel ist der Hintergrund, worauf wir eine Hand-
lung sehen, und bestimmt unser Urteil, unsere Be-
griffe und Reaktionen."
(zitiert nach P. Orlik, Sprachspiele und Lebensformen. 2006. 159)

0.5 Zeitwahrnehmung abhängig vom Lebensalter

aus SPIEGEL-online (20.11.2013):

"Die vielen ersten Male, die man in der
Jugend erlebt, bleiben stark in Erinne-
rung: der erste Kuss, das erste Bier, die
erste WG, das erste eigene Gehalt. 'Wenn
man dann 15 Jahre lang verheiratet ist,
jeden Morgen ins Büro fährt und jeden
Sommer an denselben Urlaubsort, verfliegt
die Zeit wie im Nu", sagt Wittmann. Daran
sind wir auch selbst schuld: Mit zunehmen-
dem Alter sind Menschen immer weniger
offen für Neues, wie aus der Entwicklungs-
psychologie bekannt ist. Doch je mehr Neues
und Emotionales man erlebt, desto mehr prägt
sich im Gedächtnis ein - und desto stärker
entschleunigt sich das Leben rückblickend.
Das bedeutet auch: Jeder kann die gefühlte
Zeit abbremsen. Der Schlüssel dazu ist,
sich wieder für Neues zu öffnen und noch
einmal erste Male zu erleben. Und wenn es
nur die erste Klavierstunde oder die erste
Reise ganz ohne Begleitung ist."

0.6 Amt <=> Person

"I cannot accept your canon that we are to
judge Pope and King unlike other men, with 
a favourable presumption that they did no
wrong . . .
There is no worse heresy than that 
the office sanctifies the holder of it."
Lord Acton: Letter to Bishop Mandel Creighton, April 5 1887

(aus dem Buch von K. Lapsell, Potiphar's Wife. Adelaide 2014)

0.7 Verweigerung

"Papst erinnert an Leiden Christi" - so die Überschrift eines online-Portals am Karsamstag 2015, bezogen auf den Karfreitag zuvor in Rom. Nur darauf bezogen, nicht die Papstansprache als ganze analysierend, kann gesagt werden:

  1. Die Signalwirkung der Überschrift ist extrem unoriginell. Jeder hierzulande weiß, dass die Christen am Karfreitag die Leidensgeschichte Jesu ins Zentrum stellen, ihrer gedenken. Die selbe Überschrift kann an Karfreitagen irgendeines anderen Jahres verwendet werden.
  2. Nicht angedeutet wird in der Überschrift - zu prüfen wäre: ob auch nicht in der Ansprache des Papstes? -, dass dieses Martyrium Hintergründe, Anlässe, Ursachen hatte.
  3. Mitgefühl für einen Leidenden zu wecken, ist sinnvoll und wichtig. Gedanklich hierbei stehenzubleiben ist jedoch gemeingefährlich: Wenn die Hintergründe = Präsuppositionen nicht aufgearbeitet werden, kann sich vergleichbares 'Leiden' unendlich wiederholen.
  4. Was sind im Falle Jesu in etwa die Hintergründe?
    • Eine Teilnahme von ihm am Tempelbetrieb (Händler, Opferkult) ist nicht bekannt. Damit stellte er die wirtschaftliche Grundlage der herrschenden Theologenkaste in Frage (vgl. die Texte über seine "Tempelreinigung", sogar mit Peitschenhieben).
    • Anknüpfend an einige Profeten waren ihm Blutopfer zuwider.
    • Er verkündete ein anderes Gottesbild ('liebenden Vater') - Gott musste nicht mehr durch aufwändige und teure Kultpraktiken versöhnt werden.
    • Folglich war seine gesamte Lebenseinstellung freier, kreativer und offener als damals üblich. Er sah Vorbildliches bei solchen, die 'offiziell' verfemt waren (z.B. Samaritaner, in jenem Gleichnis zugleich eine beißende Kritik am jerusalemer Theologenpersonal).
    • Seine Sprachverwendung war nicht nur bildhaft-poetisch. Zugleich leistete er sich eine selbstbewusste, notwendig provokant wirkende eigene Position zur geltenden religiösen Tradition ("Zu den Alten ist gesagt worden ... ich aber sage euch ..." = Antithesen der Bergpredigt, Mt 5ff). Er leistete sich selbstständiges Denken im Kontrast zur bevormundenden Glaubensinstitution.
  5. Wirtschaftlich wie geistig musste von der etablierten jüdischen Hierarchie das Auftreten Jesu als gewaltige Provokation empfunden worden sein. Eine friedliche Koexistenz beider in der selben Gesellschaft war immer weniger vorstellbar. Konsequenz letztlich: Jesus musste zum Schweigen gebracht werden.
  6. Im journalistischen Text unentschlossen - so oft auch bei Christen, Theologen anzutreffen: Geht es um "Leiden und Sterben Jesu" oder "Christi"? Genau betrachtet ist im ersten Fall eine individuelle Person gemeint, im zweiten der Träger eines Hoheitstitels. Interessiert also konkret-individuelles "Leid", oder das Schicksal des (nachträglich dazu gemachten) "Religionsgründers"? Wenn Theologen Jesu Schicksal anschließend zum "Opfertod" hochstilisierten - so war es doch letztlich gut - muss man folgern ?!?

Sollte der Papst also nur an das "Leiden" erinnert haben, so hatte dies mehrere Implikationen, vgl. [4]:

  • Wie gesagt: an "Leiden" zu erinnern und zu appellieren, es - wenn irgendmöglich - zu vermeiden, ist sinnvoll.
  • Wenn die Religionsinstitution "Kirche" dabei aber die Präsuppositionen (s.o.) ausblendet, betreibt sie eine Irreführung der Gläubigen = Ablenkungsmanöver.
  • Die Institution "Kirche" betreibt somit Selbstschutz, verhindert, dass an sie vergleichbare Fragen gestellt werden, wie sie Jesus an die damalige Religionshierarchie gestellt hatte.
  • Das "Leiden" ins Zentrum zu rücken ist vor solch einem Hintergrund (= Präsuppositionen) Ausdruck der Verweigerung von Selbstkritik, zugleich von Unlust zur Veränderung - also genau das, was man vom Oberhaupt einer Großinstitution normalerweise auch erwartet.
  • Den Blick auf verschiedene Typen von Leiden, Verbrechen, zu lenken, genügt nicht: Es muss weitergefragt werden nach den Ursachen, den Motiven, den Verantwortlichen. Ab da würde sich der Blick öffnen für Zusammenhänge, in denen strukturell das gleiche Denken herrscht. "Religionsfreiheit" - dafür muss man eintreten. Wie steht es mit der "Freiheit, eigenständig seine Lebensform zu bestimmen" in der katholischen Kirche? Antwort: schlecht (Stichwörter: Wiederverheiratung, Zölibat).
  • Religion im Kontext von "Schuld" kann zu einem großangelegten System werden, sich genau dieser nicht zu stellen. Vgl. als Diskussionsanstoß: [[5]]

Auszug von web.de. Auch noch so ergriffene Sprache kann die soeben genannten Punkte nicht widerlegen:

Es ist eine nachdenkliche und ergreifende
Zeremonie:
Mit Meditationen im Fackelschein erinnert
Papst Franziskus an das Leiden und Sterben
Jesu. Zehntausende versammeln sich dazu am
Wahrzeichen Roms.
Mit dem traditionellen Kreuzweg am Kolosseum
hat Papst Franziskus gemeinsam mit Zehntau-
senden Pilgern am Karfreitag an das Leiden
und Sterben Christi erinnert. In 14 Stationen
wurde bei der Zeremonie in Rom der Leidensweg
Jesu nachempfunden. In den  Meditationen ging
es auch um Probleme wie Religionsfreiheit,
Menschenhandel, Kindersoldaten oder die Todes-
strafe. Der Argentinier Franziskus verfolgte
den Kreuzweg an seinem dritten Osterfest als
Papst mit nachdenklichem Gesichtsausdruck und
im stillen Gebet.

0.71 Korrekte Selbstdarstellung oder 'Eigentor' ?

Laut [6] Radio Vatikan hat die im Herbst 2015 tagende Bischofssynode ein neues Dikasterium (= eine Art Ministerium) geschaffen, für Leben, Laien, Familie.

Die neun ratgebenden Kardinäle hat nicht angefochten, dass sie damit folgende Präsuppositionen ins Spiel bringen:

  • die Kirche, wie sie verfasst ist und agiert, ist primär eine Veranstaltung von Klerikern. Erst mit dem neuen Dikasterium beginnt man, sich mit "Laien" und denen zu beschäftigen, die in "Familien" leben;
  • welche amtskirchliche Selbststilisierung doch in dem Vorgang liegt: Kleriker auf der einen, Laien und Familienmenschen auf der anderen Seite! Man mache sich - quantitativ - die Relationen klar, und - qualitativ -, dass die Kleriker beanspruchen, den Laien die Lebensgestaltung vorzuschreiben !?
  • die reale Kirche ist auf den Tod hin orientiert; bezieht man den Bereich der Seele ein, ist der psychologische Ausdruck nekrophil anzuführen; das "Leben" soll via Ministerium und 2000 Jahre nach Jesus erst entdeckt und aufgearbeitet werden ... - entlarvender geht es nicht. Allenfalls via Kabarett kann man auf den Vorgang reagieren.
  • "Familie" als Themenfeld des neuen Ministeriums zeigt, dass - wie bislang schon - die Lebensform der Ehelosigkeit der eigentliche Wert der Kirche ist; aber man scheint nun offen zu sein, auch - aus Sicht der Klerikerkirche - neue Lebensbereiche einzubeziehen. Aber was heißt hier "neu"? Auch die Kleriker entstammen "Familien" ...

Sprachkritisch betrachtet - der Aspekt 'Kirchenkritik' läuft nur nebenher - liegt ein Offenbarungseid, eine kommunikative Katastrofe vor. Wie können gebildete Menschen mit einer derartigen sprachlichen Naivität an die Öffentlichkeit gehen? Oder anders gesagt - das wäre die 'korrekte Selbstdarstellung', von uns her den Blick auf "Übertragenen Sprachgebrauch" einbeziehend, vgl. [7]: Auf dem verqueren Weg (neues Ministerium) sollen nicht reale Lebensprobleme aufgegriffen und bearbeitet werden, sondern die Amtskirche beteuert und zementiert nur ein weiteres Mal ihre fortgeführte Orientierung. Das unterschwellige Signal: eine substanzielle Änderung bei ihrer autoritären Spaltung in 'Kleriker und Laien' ist nicht zu erwarten.

0.72 "Scheinheilig" - Melanie Trumps Wahlkampfrede

Schönes Beispiel für die Notwendigkeit des Analyseschritts PRAGMATIK: Wie passen Rede und bekannte/voraussetzbare Lebenswirklichkeit zusammen? - Im Fall der Familie Trump offenkundig schlecht: vgl. [8] - Splitter aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2016.

0.8 "Über Wasser wandeln"

Nun ja, Wundererzählungen jeglicher Herkunft - hier wird auf einige aus dem Neuen Testament angespielt - leben ja davon, dass der Autor auf ein unbefragtes, diskussionslos vorauszusetzendes Standardwissen anspielt, - aber genau davon wird dann durch die Erzählung abgewichen - was natürlich höchstes Aufsehen erregt, wegen der so selbstverständlichen Hintergrundfolie.

Einer kam über den See zum Boot seiner Jünger
gelaufen, bei anderer Gelegenheit, hat er bei
einem Fest Wasser in Wein verwandelt, mehrfach
hat er Kranke geheilt, gar Tote ins Leben
zurückgerufen, mit nur wenig Ausgangsmaterial
(5 Brote, 2 Fische) konnte er tausende Menschen
ernähren, nachdem er selbst hingerichtet worden
war, kam er ins Leben zurück, erschien leibhaf-
tig seinen Jüngern usw. usw.

Als Texte sind diese Erzählungen oft kreativ, gar kunstvoll gestaltet. Der eklatante Widerspruch zum allgemeinen Weltwissen der Leser/Hörer dient als stilistischer Anreiz/Stimulus.

Wer heutzutage immer noch meint, die damaligen
Adressaten - illusionär - auf den Widerspruch
zum allgemeinen Weltwissen hinweisen zu sollen,
hält die damaligen Leser/Hörer, aber auch den
Verfasser des jeweiligen Wundertextes, für
unsäglich dumm, missversteht die Texte als
Abbild-Protokoll:
Sprache = 'objektive' Wirklichkeit; kann also
nicht adäquat mit den Sprachprodukten, den
literarischen Gebilden umgehen.

Positiv ausgedrückt: der einkalkulierte Widerspruch zum allgemein verfügbaren Weltwissen sollte damals schon die Leser/Hörer zwingen, gefälligst auf die Suche zu gehen um zu verstehen, was mit den - physikalisch/chemischen/biologischen - Unmöglichkeiten ausgesagt werden soll. Dabei ist einiges an Freiheit impliziert: die Adressaten werden nicht auf dogmatische Kurzsätze im Wortsinn festgenagelt, sondern sie sollen die Richtung und Tendenz der angepeilten Aussage - trotz aller Offenheit - erkennen. Also, in den genannten Beispielen, dass

  • durch Vertrauen das Lebensbedrohliche überstiegen werden kann,
  • das Miteinander andauern soll, u.z. möglichst in festlicher Form,
  • es neben der physischen Form von Tod noch weitere "Todesarten" gibt; in den jeweiligen Texten wird betont, dass jemand, der anscheinend "tot" ist bzw. von anderen distanzierend so klassifiziert, für tot erklärt wird, durch bewusst-liebevoll-emotionale "Zuwendung" wieder lebendig werden kann,
  • es neben der physischen Präsenz - die für jeden endet - noch weitere schöne, bisweilen faszinierende Formen der Gegenwart/Anwesenheit gibt,

usw.

Das "voraussetzbare Weltwissen" ist nicht dazu da, dem Verstehen, der Interpretation, Zügel anzulegen, sie zu disziplinieren. Stattdessen kann sich der Geist mit seinen Möglichkeiten in neue Räume und Lebensperspektiven begeben. Gut gestaltete Wundererzählungen - neben anderen Literaturgattungen - können zupackend den Impuls dazu liefern.

0.9 Missverständnisse - Heinrich Heine

Aus Reclam 8988, S.56f, "Neue Gedichte"

Yolante und Marie
        I
Diese Damen, sie verstehen,
wie man Dichter ehren muß:
Gaben mir ein Mittagessen,
Mir und meinem Genius.
Ach! die Suppe war vortrefflich,
Und der Wein hat mich erquickt,
Das Geflügel, das war göttlich,
Und der Hase war gespickt.
Sprachen, glaub ich, von der Dichtkunst, 
Und ich wurde endlich satt;
Und ich dankte für die Ehre, 
Die man mir erwiesen hat.

--- Im langen Gedicht "Donna Clara" (33ff) himmelt D.C. immer neu einen unbekannten Ritter an. Sobald ein Gespräch in Gang kommt, brechen aus ihr antisemitische Vorurteile heraus. Der Ritter wiegelt jeweils ab, bleibt freundlich und ihr zugeneigt. Die letzten 4 Strofen:

( ... )
Aber Pauken und Trommeten
Schallen plötzlich aus dem Schlosse.
Und erwachend hat sich Clara
Aus des Ritters Arm gezogen.

"Horch! da ruft es mich, Geliebter,
Doch, bevor wir scheiden, sollst du
Nennen deinen lieben Namen,
Den du mir so lang verborgen!" 
Und der Ritter, heiter lächelnd,
Küßt die Finger seiner Donna,
Küßt die Lippen und die Stirne,
Und er spricht zuletzt die Worte:
"Ich, Señora, Eur Geliebter,
Bin der Sohn des vielbelobten,
Großen, schriftgelehrten Rabbi
Israel von Saragossa."

0.91 Schweigen der katholischen Bischöfe im Dritten Reich

Man zog sich ab 1933 "in die Sakristei" zurück = Bild dafür, dass man sich ein Sprechverbot zu politischen Entwicklungen auferlegte. Hätte man sich geäußert, drohte, dass die kirchlichen Privilegien, Arbeitsmöglichkeiten beeinträchtigt würden. Die "Sakristei" blieb gültig, selbst als Führerkult, Militarisierung, Kriegsbeginn, Euthanasieprogramme offenkundig waren. Die kirchlichen Privilegien waren wichtiger. Spät erst, und in der Folge durchaus nicht zum eigenen Schaden, durchbrach der Bischof von Münster das selbstauferlegte Redeverbot. Er artikulierte öffentlich in einer Predigt, was - hinter vorgehaltener Hand - inzwischen viele wussten. Vgl. [9]

1. Einvernehmen bei Kommunikationen

Gemeinsam geteiltes Weltwissen wird über viele Kommunikationen = Dialoge erworben, bei denen man allmählich speichert, was fraglos von allen/den meisten akzeptiert wird. Das setzt allerdings voraus, dass man von Kindheit an problemlos an den familiären/gesellschaftlichen Kommunikationen teilnehmen konnte.

1.1 Behinderung

Ein ab Säuglingsalter nahezu Gehörloser hatte sich - mit Mühe - eine ganz gute Sprachkompetenz erarbeitet. Ein Bestreben dabei war, das, was er verstanden hatte, sorgsam zu beachten, sich daran zu halten. Er merkte selbst, dass ihm viel an Information im Alltag entging. Vom Mund ablesen ist sehr fehleranfällig und oft gar nicht möglich. Eine der Maximen, die Sicherheit vermitteln sollten, stammte von einem Zahnarzt: 2x am Tag Zähne putzen! Das führte der Behinderte denn auch sorgfältig aus. Abgesehen davon, dass 3x putzen besser ist - bis zum Alter von 60 Jahren pflegte er die Zähne vor dem Essen zu putzen. Das war sein Rhythmus, ist angenehmer während des Essens und gab ihm das Gefühl, der Zahnarzt-Anweisung korrekt zu folgen. Das hatte aber den Effekt, dass er ca. 23 Stunden am Tag ungepflegte Zähne hatte, weil Essensreste zurückblieben. Entsprechend erhöht war die Karieshäufigkeit. Gemeint hatte der Zahnarzt sicher, dass selbstverständlich nach dem Essen zu putzen sei, gesagt hatte er es nicht. Er hat diese Selbstverständlichkeit vorausgesetzt (dann gilt nur 1 Stunde ungeputzter Zustand am Tag, das ist eher tolerierbar). Bei Menschen mit eingeschränkter Wahrnehmungsfähigkeit muss deutlich mehr ausformuliert werden gemessen an dem, was sonst in Alltagskommunikation vorausgesetzt werden kann. Es ist ärgerlich, dass keine der Betreuungspersonen über Jahrzehnte den banalen Fehler erkannte - mit akuten gesundheitlichen Folgen für den Betroffenen.

1.2 Jüngere deutsche Geschichte

Zwei Erfahrungen im Sommer 2012:

- Telefonumfrage (Reutlinger General-Anzeiger),
  ob die Bundeskanzlerin zur Genüge die deut-
  sche Führungsrolle in Europa wahrnehme.
- Nach Ende der Fußball-EM der Pressebericht,
  Mesut Özil sei genervt von der ständig ge-
  stellten Frage nach dem Führungsspieler in
  der Nationalmannschaft.

Journalisten meinen also (= 1. Präsupposition), ständig die Frage nach der "Führung" aufwerfen zu müssen und unterstellen, das sei auch die Frage, die die Leserschaft bewege. Anmerkungen dazu:

  1. In dieser Dichte liegt ein Hinweis, dass der Führer noch in den Köpfen spukt (= 2. Präsupposition). Oder noch weiter zurückgeschaut: Der damalige Führer hatte - zunächst - nur Erfolg haben können, weil die Deutschen auf dieses autoritäre Muster eingestellt gewesen waren(= 3. Präsupposition): man wünschte sich breitflächig einen, der die Richtung zeigt.
  2. Journalisten, die diese innere Einstellung auf aktuelle Themen übertragen, kultivieren die Vorstellung, dass diktatorisches Gehabe auch hierbei für gute Lösungen sorge. - Das war damals und ist heute genauso ein Irrglaube.
  3. Das Genervt-Sein Özils dürfte somit nicht nur seine private Reaktion sein. Es ist zugleich Ausdruck dessen, dass man mit einem anderen kulturellen Hintergrund auch anders zu denken pflegt.
  4. Der Endspielsieg der spanischen Mannschaft in der EM vermittelte nicht den Eindruck, ein zentraler "Führer" habe den bewirkt (folglich hätte die gegnerische Mannschaft den nur ausschalten müssen, um Spanien entscheidend zu schwächen [wohl ein Irrtum der deutschen Mannschaft im Halbfinale]). Vielmehr war es eine überzeugende Gesamtleistung, die den verdienten Sieg brachte. - Das ist die Alternative.

1.3 Sprache und Lebenssituation

In Gedichtform bringt G.Grass einen Konflikt zum Ausdruck: [10]

1.4 Georg Büchner - doppelt missverstanden

Aus einem Interview mit dem Germanisten B. Dedner aus Anlass des 200. Geburtstags von Büchner (SWP 16.Okt.13):

Die Quellen nutzt er als Collage-Material.
Auch sehr modern, oder?
DEDNER: Das Verfahren gibt es auch in Goethes
"Götz". Büchner nutzt es, um Authentizität zu
erzeugen - auch er kann keine bessere Rede
schreiben als Robespierre. Und er montiert
gegen den Sprecher gewandt, als Phrasenkritik,
um dessen Sprache zu entlarven. Es gibt ein
schönes Beispiel, wie das bis heute missver-
standen wird. Am Darmstädter Bahnhof steht
derzeit:
"Wir alle haben etwas Mut und etwas See-
lengröße nötig."
Das steht in "Danton", ist aber Originalton
Robespierre, der fordert, man solle aufrechten
Ganges zur Guillotine schreiten. Büchner zeigt,
wie Politiker das Schreckliche durch Phrasen
verschleiern.

Erste falsche Präsupposition: der Satz stamme von Büchner. Stattdessen: Büchner hat ihn wiederverwendet. Zweite falsche Präsupposition: die Bahnhofsgestalter übersahen, für welche Lebenssituation der Satz geäußert wurde. Hätten sie dieses Hintergrundwissen gehabt, wäre die Verwendung des Satzes unterblieben. Das Besteigen eines Zuges hat mit dem Besteigen des Schafotts eher nichts zu tun ...

Das Beispiel zeigt schön, dass es nicht genügt, einen Satz sprachlich korrekt zu übernehmen - dabei aber die dazugehörigen Präsuppositionen zu übersehen. Tut man es doch, wird aus einem mit Tragik, Selbstbewusstsein, Sarkasmus, Revolutionsgeist aufgeladenen Satz ein betulicher Sonntagsspruch.

1.5 Kein Einvernehmen

P. Handke geht in "Publikumsbeschimpfung" (edition suhrkamp 177) davon aus, dass Theaterbesucher vor der Bühne sitzen und von dorther einiges geboten bekommen. Das ist ihre Erwartung = 'Präsupposition'. Die Sprecher auf der Bühne wenden sich an das Publikum (Auszug):

(23) "Wir stehen nicht im Dialog. Wir stehen
auch nicht im Dialog mit Ihnen. Wir wollen mit
Ihnen in keinen Dialog treten. Sie sind keine
Mitwisser. Sie sind keine Augenzeugen eines
Geschehens. Wir führen keine Seitenhiebe gegen
Sie. Sie brauchen nicht mehr apathisch zu sein.
Sie brauchen nicht mehr tatenlos zuzuschauen.
Es geschehen hier keine Taten. Sie empfinden
das Unbehagen derer, die angeschaut und ange-
sprochen werden, wenn Sie von vornherein bereit
waren, selber im Dunkeln zu schauen und es sich
behaglich zu machen. Ihre Anwesenheit ist offen
in jedem Augenblick in unseren Worten inbegrif-
fen. Sie wird behandelt, von einem Atemzug zum
andern, von einem Augenblick zum andern, von
einem Wort zum andern. Ihre Vorstellung vom
Theater ist keine stillschweigende Voraussetzung
mehr für unser Handeln. Sie sind weder zum
Zuschaun verurteilt noch zum Zuschauen freige-
stellt. Sie sind das Thema. Sie sind die Spiel-
macher. Sie sind unsere Gegenspieler. Es wird
auf Sie abgezielt. Sie sind die Zielscheibe
unserer Worte. Sie dienen zu Zielscheiben. Das
ist eine Metapher. Sie dienen als Zielscheiben
unserer Metaphern. Sie dienen zu Metaphern."

Die, die sonst - unbeteiligte - Zuschauer des Bühnengeschehens sind, werden nun selbst zum "Thema" - vgl. [11] - erhoben.

2. Spiel mit Präsuppositionen in der Literatur

2.1 Karl Kraus "Mein Weltuntergang"

"Mir träumte, dass ich eben noch zurecht kam,
als unterging die Welt, vor meinen Augen
tat sie es ..."

Auch wenn es um ein Traumbild geht, kann man den Ausschnitt nutzen, um den Unterschied von Implikation und Präsupposition zu verdeutlichen:

  • Implikation: Der Beobachter des Weltuntergangs muss sich - vgl. Basiskategorien der Semantik, näherhin: 4.07 Orientierung in Raum und Zeit und 4.071 Raum / Ort / Topologie - irgendwo befinden. Das ist eine sprachlogische Forderung, wenn man zunächst am Wortsinn bleibt. Ein solcher Beobachtungsstandort wird nicht erwähnt. Also liegt eine Irritation vor, die zwingt zur zweiten = gemeinten = pragmatischen Bedeutungsebene weiterzugehen.
  • Präsupposition: Unser aller Weltwissen ist, dass - dazu braucht man kein sprachlogisches Nachdenken - die Welt noch nicht untergegangen ist.
 ...                           und subito
sank Capri, hastenichtgesehen, ins Meer.
  • Implikation: Also gibt es die Insel Capri nicht mehr. Sprachlogisch ist das Thema der Existenzsätze aktiviert: Vgl.4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt. Das gilt für die pragmatische Ebene. Semantisch ist <<SINKEN>> eben <<SINKEN>>. Pragmatisch wird dies erkannt als Existenzauslöschung.
  • Präsuppositionen: Die Insel Capri gibt es noch. - Es gibt allerdings einen Schlager, nach dem die Sonne bei Capri im Meer versinkt. Der Poet scheint darauf zu reagieren. (Den Schlager "Capri-Fischer" konnte Kraus noch nicht kennen. Der wurde 1943 geschrieben. Möglicherweise rankte sich das Klischee aber viel früher schon um Capri.).
...                            in Neapel                                
Beteuern tausend Kuppler ihre Unschuld,
denn ihrer aller Hure sei gestorben.
  • Implikationen: "Beteuern" schließt ein, dass jemand angreift, dass die Kuppler sich rechtfertigen müssen. Wie muss man sich die Szenerie vorstellen? - Außerdem: viele Kuppler und eine Hure? Schwer zu verstehen. - Und die eine Hure ist gestorben - dann ist es logisch, dass die tausend auch keine Kuppler mehr sind. Leser werden chaotisch im Kreis herum geführt.
  • Präsuppositionen: Klischees vom "sündigen" und freizügig-lasterhaften süditalienischen Lebensstil werden bedient, wo es zwar lustvoll zugehen mag, aber doch auch alles drunter und drüber geht.
...
Am sichersten, sagt einer, wärs in Wien,
...                     sichrer ists in Wien.
...
Viel sicherer wärs freilich jetzt in Wien.
...
Am sichersten ists sicher jetzt in Wien,
...
  • Implikationen: Wenn vom "Weltuntergang" geredet werden soll - heißt das: "Wien" gehört nicht dazu? Ist es außerhalb der Welt? Jenseits von allem aktuellen Geschehen? - Die variierten Wiederholungen untergraben die "Sicherheits"-Aussage. Das letzte "sicher" drückt die "Unsicherheit des Wissens" aus: "ich weiß nicht recht" (Register EPISTEMOLOGIE: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE).
  • Präsuppositionen: 'Wien' und 'Kraus' - d.h. der Text ist am Ende der k&k-Monarchie angesiedelt, die nur noch mit Mühe die Einheit wahrt und kurz vor dem Zusammenbruch steht. Die Rede von "Sicherheit" entpuppt sich als Satire/Sarkasmus. Oder auch Realismus: Es war doch von "Weltuntergang .. vor meinen Augen" die Rede gewesen! War der 1. Weltkrieg keiner? - All die Chaos/Nonsens-Aussagen zu Süditalien stimmen expressionistisch ein auf das Thema "Weltuntergang", der aber nach Meinung des Autors in Wien stattfindet.

2.2 L. Tolstoj "Anna Karenina"

Gesellschaftliche Zwänge verhindern zuzugeben, was sowieso alle wissen ...

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010. S.205:
"Wo ich herkomme?" antwortete er auf die Frage
der Frau des Gesandten. "Es hilft nicht, ich
muß es Ihnen wohl gestehen. Aus der komischen
Oper im Französischen Theater. Ich glaube,
ich war schon zum hundertsten Mal dort, aber
es macht mir immer wieder Vergnügen. Es ist
wirklich reizend! Ich weiß, ich sollte mich
schämen; aber in der Oper schlafe ich ein,
und im Bouffes halte ich bis zum letzten Augen-
blick aus und amüsiere mich köstlich. Heute ... "
Er nannte eine französische Schauspielerin und
wollte etwas von ihr erzählen, aber die Frau
des Gesandten unterbrach ihn mit gut gespiel-
tem Entsetzen:
"Bitte, erzählen Sie mir nicht von diesen schau-
derhaften Dingen!"
"Nun, dann will ich es nicht tun, zumal jeder
diese schauderhaften Dinge sehr gut kennt."
"Und alle würden hingehen, wie in die Oper,
wenn es nur Mode wäre", bemerkte Fürstin Mjach-
kaja."

Man ist gegenseitig im Bilde, redet aber nicht darüber - S.520:

Diese beiden Menschen standen einander so nahe,
daß die kleinste Geste, der Tonfall ihrer Stim-
men ihnen mehr sagte, als man in Worten aus-
drücken kann. Jetzt hatten sie beide den glei-
chen Gedanken, der alles erstickte: Nikolajs
Krankheit und seinen nahen Tod. Aber keiner
von beiden wagte davon zu sprechen, und darum
war alles, was sie sagten, Lüge, denn das, was
sie allein beschäftigte, wurde nicht ausgespro-
chen. Noch nie war Lewin so froh gewesen, daß
der Abend kam und daß es Zeit zum Schlafengehen
war. Keinem Fremden gegenüber, bei keinem offi-
ziellen Besuch war er so unnatürlich und so
unaufrichtig gewesen wie heute. Das Bewußtsein
dieser Unnatürlichkeit und die Scham darüber
machten ihn noch unnatürlicher.

2.3 Tiefer Griff in die Präsuppositionen

Als Hausaufgabe war eine der Geschichten von Herrn Keuner (B. Brecht) zu interpretieren. Wolfgang Herrndorf, tschick. Reinbeck 2014 36.Aufl.

(55) "Interpretation der Geschichte von Herrn K.
Die erste Frage, die man hat, wenn man Brechts
Geschichte liest, ist logisch, wer sich hinter
dem rätselhaften Buchstaben K. versteckt. Ohne
viel Übertreibung kann man wohl sagen, dass es
ein Mann ist, der das Licht der Öffentlichkeit
scheut. Er versteckt sich hinter einem Buch-
staben, und zwar dem Buchstaben K. Das ist der
elfte Buchstabe vom Alphabet. Warum versteckt
er sich? Tatsächlich ist Herr K. beruflich
Waffenschieber. Mit anderen dunklen Gestalten
zusammen (Herrn L. und Herrn F.) hat er eine
Verbrecherorganisation gegründet, für die die
Genfer Konvention nur einen traurigen Witz dar-
stellt. Er hat Panzer und Flugzeuge verkauft und
Milliarden gemacht und macht sich längst nicht
mehr die Finger schmutzig. Lieber kreuzt er
auf seiner Yacht im Mittelmeer, wo die CIA auf
ihn kam. Daraufhin floh Herr K. nach Südame-
rika und ließ sein Gesicht beim berühmten Doktor
M. chirurgisch verändern und ist nun verblüfft,
dass ihn keiner auf der Straße erkennt: Er
erbleicht."

Nur die letzten beiden Worte haben in Brechts Keuner-Geschichte einen Rückhalt. Der Rest ist eine Anhäufung von Standard-Klischees, aus denen - frei fantasierend - eine Hintergrundgeschichte für das "Erbleichen" gestrickt wird. Allerdings: Nicht nur harte, nachgewiesene Fakten gehören zu den Präsuppositionen, sondern auch die Kenntnis derartiger Klischees / Dunkel-Männer-Geschichten.

2.4 Geltende Präsuppositionen rechtzeitig erkannt

S. Lenz, "Deutschstunde" (45.Aufl 2014 S.73): Der Sohn des Dorfpolizisten, der das Malverbot der Naziregierung gegenüber dem Maler überwachen sollte, wird befragt:

Hat er gearbeitet, der Maler? Ich verstand nicht
schnell genug, und so fragte er abermals: In der
Hütte, der Maler, hat er gearbeitet, als ihr da
wart? Da sah ich erstaunt zu ihm auf und erkannte,
dass einiges abhing von meiner Antwort und daß
mein Wissen etwas bedeutete, und ich tat, als ob
ich Schwierigkeiten hätte mit meiner Erinnerung
oder, das ist vielleicht genauer, als ob die
Schmerzen, die er mir beigebracht hatte, nun mein
Gedächtnis verdunkelten. Möwen, sagte ich
schließlich: Er hat uns Möwen gezeigt ...

2.5 "Schere im Kopf"

Vgl. G. Grass, "Mein Jahrhundert", (zu 1945), S.182f:

"Ich lag zwischen Strandkiefern, sonnte mich,
brachte aber keine Zeile zu Papier, obgleich
mir alle, die Bauersfrau aus Masuren, die ihre
Kinder verloren, ein greises Ehepaar, das sich
von Frauenburg bis hierher durchgeschlagen hatte,
ein polnischer Professor, der als einer von
wenigen KZ-Häftlingen geblieben war, mit ihrem
Elend in den Ohren lagen. Das zu beschreiben,
hatte ich nicht gelernt. Dafür fehlten mir die
Worte. So lernte ich das Verschweigen. Mit
einem der letzten Küstenwachschiffe, das von
Schiewenhorst aus Kurs nach Westen nahm und
trotz einiger Tieffliegerangriffe Travemünde
erreichte, kam ich davon.
   Nun stand ich zwischen gleichfalls Davon-
gekommenen, die, wie meine Wenigkeit, geübt
waren, über Vormärsche und Siege zu berichten
und den Rest zu verschweigen. Ich versuchte,
wie es die anderen taten, Sturmschäden auf der
Insel Sylt zu notieren, und hörte mir notierend
die Klagen der Wassergeschädigten an. Was hätten
wir anderes tun sollen? Schließlich lebte
unsereins von Berichten."

2.6 "gefühlskalt"

S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004.

(275) "Es hat sich nun herausgestellt, dass
bei vielen dieser Menschen, die in Romanen als 
'gefühlskalt' bezeichnet werden, ein schweres
Kindheitstrauma zugrundeliegen kann. In den
meisten Fällen waren auch sie Opfer von Gewalt,
zum Beispiel von Missbrauch in der Familie.
Als Außenstehender kommt man an dieser Stelle
schnell auf den Gedanken, dass das nichts als
ein Trick des Täters sei, um sich selbst als
Opfer zu stilisieren, damit er Mitleid erweckt
und mit Nachsicht behandelt wird. Allerdings
hat die psychotherapeutische Arbeit mit psychisch
kranken Straftätern gezeigt, dass sie sich in
der Regel mit Händen und Füßen gegen die Vor-
stellung wehren, als Kind ein hilfloses Opfer
gewesen zu sein. Auf keinen Fall wollen sie
sich den alten Gefühlen des Ausgeliefertseins
aussetzen. Die hatten sie lange Jahre gut
weggepackt, verdrängt, vergessen. Und da sie
als Traumatisierte das eigene Leid nicht wahr-
nahmen, waren sie auch völlig gefühllos (276)
gegenüber anderen Menschen, denen sie nun
ihrerseits Gewalt antaten. 
   In der Therapie ist nun der zentrale Punkt
der, dass die Täter sich ihres Traumas bewusst
werden und dabei ihren seelischen Schmerzen
wiederbegegnen, dass sie also die in ihnen
steckende tiefe Verzweiflung und Ohnmacht
erfahren."  

2.7 Scheinbare Ortsbeschreibung: Hermann Hesse

Eine Ortslage wird ausführlich beschrieben - dennoch können Leser ihr Weltwissen damit nicht in Verbindung bringen, ergo: es liegt Fiktion vor. aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973. S.111 'Heumond'

"Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald
und Gebirge in der hohen Ebene.
   Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in
den die Landstraße mündete. Hier konnten die
Wagen vorfahren, wenn Besuch kam. Sonst lag
der viereckige Platz immer leer und still und
schien dadurch noch größer, als er war, nament-
lich bei gutem Sommerwetter, wenn das blendende
Sonnenlicht und die heiße Zitterluft ihn so
anfüllte, daß man nicht daran denken mochte,
ihn zu überschreiten.
   Der Kiesplatz und die Straße trennten das
Haus vom Garten. 'Garten' sagt man wenigstens,
aber es war vielmehr ein mäßig großer Park,
nicht sehr breit, aber tief, mit stattlichen
Ulmen, Ahornen und Platanen, gewundenen Spazier-
wegen, einem jungen Tannendickicht und vielen
Ruhebänken, einige leer und einige mit Blumen-
rondells oder Ziersträuchern geschmückt, und
in dieser heiteren, warmen Rasenfreiheit standen
allein und auffallend zwei große einzelne Bäume.
(...)" 

Etwas später: des Erzählers Mitteilung körpersprachlicher und kommunikativer Informationen bzw. Unterstellungen - als weiter zu beachtende "P."

(114) "Sie wäre noch einmal so gern mit nach
Erlenhof gekommen, wenn nur der Junge nicht
gewesen wäre. Er sah ja sehr ordentlich aus,
aber gescheit, und die Gescheiten waren doch
meistens die Widerwärtigsten. Da würde es
gelegentlich so heimtückische Fremdwörter
geben und auch solche herablassende Fragen,
etwa nach dem Namen Feldblume, und dann, wenn
sie ihn nicht wußte, so ein unverschämtes
Lächeln, und so weiter. Sie kannte das von
ihren zwei Vettern, von denen einer Student
und der andere Gymnasiast war, und der Gymna-
siast war eher der schlimmere, einmal buben-
haft ungezogen und ein andermal von jener
unausstehlich höhnischen Kavaliershöflichkeit,
vor der sie so Angst hatte."

'Casanovas Bekehrung' - Aufdecken bislang geltender Präsuppositionen:

(162) "Immerhin konnte er es sich nicht ver-
sagen, vor seinem Rücktritt aus dem Weltleben
dem Herzog von Württemberg noch einen unver-
schämt gesalzenen Brief zu schreiben. Das wußte
ja niemand. Und es wußte auch niemand, daß er
manchmal im Schutz der Dunkelheit abends ein
Haus aufsuchte, in dem weder Mönche wohnten
noch Psalmen gesungen wurden."

'Pater Matthias' - Verwandlung einer Person, Leser haben fortan das Wissen im Hinterkopf, um welchen Akteur es sich 'eigentlich' handelt.

(257) "Am Bahnhof eines lebhaften Vorortes, wo
beständig viele Züge aus- und einliefen, stieg
Pater Matthias aus, den Koffer in der Hand und
bewegte sich ruhig, von niemandem beachtet,
einem kleinen hölzernen Gebäude zu, auf dessen
weißem Schild die Inschrift 'Für Männer' stand.
An diesem Ort verhielt er sich wohl eine Stunde,
bis gerade wieder mehrere ankommende Züge ein
Gewühl von Menschen ergossen, und da er in
diesem Augenblick wieder hervortrat, trug er
wohl noch denselben Koffer bei sich, war aber
nicht der Pater Mathias mehr, sondern ein ange-
nehmer, blühender Herr in guter, wenn schon
nicht ganz modischer Kleidung, der sein Gepäck
am Schalter in Verwahrung gab und alsdann
ruhig der Stadt entgegenschlenderte, wo er
bald auf der Plattform eines Trambahnwagens,
bald vor einem Schaufenster zu sehen war und
endlich im Straßengetöse sich verlor.
  Mit diesem vielfach zusammengesetzten, ohne
Pause schwingenden Getöne, mit dem Glanz der
Geschäfte, dem durchsonnten Staub der Straßen
atmete Herr Matthias die berauschende Viel-
fältigkeit und liebe Farbigkeit der törichten
Welt, für welche seine wenig verdorbenen Sinne
empfänglich waren, und gab sich jedem frohen
Eindruck willig hin. Es schien ihm herrlich,
die eleganten Damen in Federhüten spazieren
oder in feinen Equipagen fahren zu sehen,
und köstlich, als Frühstück in einem schönen
Laden von marmornem Tische eine Tasse Schoko-
lade und einen zarten, süßen französischen
Likör zu nehmen."

2.7.1 Israel/Kanaan <=> Ägypten

Ursprüngliche Josefsgeschichte, d.h. Gen/1.Mose 37-50, aber befreit von redaktionellen Überarbeitungen = Zufügungen:

Zwischen beiden in der Überschrift angesprochenen Regionen kommt es zu einem regen Austausch - v.a. weil der Protagonist Josef seine Brüder, dann auch den Vater, ständig hin- und her pendeln lässt. Aber der Text enthält - v.a. für Ägypten - keine brauchbaren Ortsinformationen. Allenfalls kann man bei GOSCHEN die Hervorhebung des Nildeltas (in der Spätzeit, d.h. am Übergang zum Hellenismus) wiedererkennen. Knapp und allgemeinverständlich wird die von Additionen befreite Erzählung - halb so lang wie die biblische Endversion - geboten und durch einen Essay kommentiert in: [12]

Somit der Textfiktion folgend kann die Satellitenaufnahme bei Nacht helfen zu verdeutlichen, zwischen welchen Gebieten - NILDELTA <=> KANAAN/ISRAEL - der Textautor seine Akteure pendeln lässt: [13]

Es wird damit zweifellos abgebildet, was das Standardwissen um 400 v.Chr. über das Zueinander der Gebiete war. Diese Präsupposition genügte zum Verstehen der Erzählung. Diese wollte ohnehin keine Auskunft über "Ägypten" liefern, sondern sich innen- und religionspolitisch in die Verhältnisse von Jerusalem und am Tempel einmischen. Bei den Landsleuten wurde für Öffnung - geistig, auch lokal - geworben. Der Text ist der damaligen Erstarrung bei der Herausbildung des Judentums entgegengesetzt. "ÄGYPTEN" symbolisiert alles und bewertet es als "gut = lebbar", was fern vom jerusalemer Tempel liegt.


2.8 Echnaton

nach dem gleichnamigen Roman von Nagib Machfus: Zürich 1999. S.88f. - Toto, der Minister für Korrespondenzen blickt zurück:

"Aber er sah ja nur die Welt, die ihm passte
- mit der Wirklichkeit hatte er nichts zu
schaffen. Es war eine Welt, für die er eigens
Gesetze, Vorschriften, ja Menschen zurechtge-
bastelt hatte, damit er sich, mithilfe des
Zaubers, der vom Thron ausgeht, als Gott über
die Welt erheben konnte. Weil das Ganze ein
Traumgespinst war, löste es sich beim ersten
Zusammenstoß mit der Wirklichkeit auf, wurde
es von Fäulnis, Revolten, Feindseligkeiten
hinweggefegt, stand der Ketzer, vom feigen
Pack verlassen, allein da."

2.9 Ehelosigkeit der katholischen Pfarrer / Einzelsprache SCHWÄBISCH

... kann als allgemeines Wissen vorausgesetzt und zum Ausgangspunkt literarischer Versuche genommen werden - und dabei wird den Lesern mit ihren ausgreifenden Fantasien eine Falle gestellt:

(aus: Sebastian Blau, "So isch noh au wieder..." Seine schönsten schwäbischen Gedichte. Hg. von Eckhart Frahm, Tübingen 2012. S.62)

D Leut saget ...
Dr Pfarrer häb - i hoa's et gseah',
i ka' des Gschwätz nao' weitergea',
ond s konnt mr bißle gspäßig vor,
vielleicht ist ao nao' d'Hälfte wohr ...
Dr Pfarrer häb do neulich, hoaßts -
obs aber wohr ist? neamed woaßts.
I halt dia Gschiicht für oberfaul,
am beste' hieltet d Leut ihr Maul ...
Dr Pfarrer häb em Gaate' donn,
ond dees bei glockeheller Sonn -
i selber mach dodruf koa' Wett,
ond nonz Gwiieß woaß´ma'n-eabe' et ...

Dr Pfarrer also häb dia Tag
em Gaate' hentrem Buachehaag
dr Pfarrersköche uf seim Schoß -
ist dees ihr Platz? ma' sait jo bloß ...
Ond kuuz und guat, dr Pfarrer häb,
mo s Gaatehäusle Schatte' gäb
- i ka's et glaube', vor e s gseah' -
dr Hausere de' Seage' gea' ... 

3. Musik

3.1 "historisch informierte Aufführungspraxis"

Folgendes Zitat schließt neben Präsuppositionen auch Implikationen - Vgl. 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) - ein.

Wenn wir die in alten Schulwerken zur Musik
"enthaltenen Regeln buchstäblich befolgten,
könnte damit ein Großteil der älteren Musik
boshaft karikiert klingen. Sie würde so wahr-
scheinlich noch verzerrter klingen, als wenn
ein musikalischer Mensch aus Unwissenheit
alles 'falsch' macht. Die Regeln der alten
Schulwerke fangen erst dort an für die Praxis
interessant zu werden, wenn wir sie verstehen
- oder wenigstens, wenn sie für uns einen Sinn
ergeben, ob wir sie nun ihrem ursprünglichen
Sinn nach verstehen oder nicht.
Ich bin sehr skeptisch, ob ein volles Verständ-
nis heute noch möglich ist. Man muß sich ja
stets vor Augen halten, daß sämtliche Schul-
werke für Zeitgenossen des Autors im 17. oder
18. Jahrhundert geschrieben wurden, und daß
dieser Autor einen großen Fundus von selbstver-
ständlichen Kenntnissen voraussetzen konnte,
darüber brauchte er überhaupt nicht zu sprechen.
Wir sind ja nicht die Adressaten seiner Belehrung,
sondern eben seine Zeitgenossen waren es. So
bekämen all die wertvollen Informationen auch
für uns ihren vollen Sinn erst dann, wenn auch
wir das gleiche selbstverständliche Grund-
wissen besäßen. - Das Nicht-Geschriebene, das
Vorausgesetzte wäre also wahrscheinlich noch
wichtiger als das Geschriebene! - Ich jedenfalls
halte Mißverständnisse aus dem Quellenstudium
für sehr häufig und wahrscheinlich ..." 
N. Harnoncourt, Musik als Klangrede. 1985. S.38.

3.2 Richard Wagner, "Das Judentum in der Musik"

Die gehässige Schrift des Komponisten - vgl. [14] - hat sicher in der Folgezeit (ab 2. Hälfte 19. Jhd.) den Antisemitismus vieler Menschen weiter angestachelt. Hier interessiert nicht die historische Sichtweise, sondern die sprachlich-literarische. Im Moment wäre wichtig zu wissen, aus welchen Lebensumständen heraus = Präsuppositionen die Schrift entstand - wobei im Wortsinn der Schrift von diesen Lebensumständen nicht gesprochen wird. Jeder, der die vermeintlich antisemitische Schrift liest, erfährt somit zum eigentlichen Anlass der Abfassung nichts. - Einige Punkte lassen sich nennen:

  1. Wagner schrieb den Text, als er sich - mal wieder - in Geldnot befand. Auch wenn sie durch extravaganten Lebensstil verschärft wurde, so befand er sich subjektiv in einer schwierigen persönlichen Lage.
  2. Zugleich erlebte der Komponist, dass jüdische Kollegen - F. Mendelssohn und G. Meyerbeer - großen Anklang beim Publikum fanden, also finanziell sorgenfrei waren (zudem aus begütertem Haus stammten).
  3. Künstlerisch fühlte sich W. den Kollegen voraus, 'moderner' - folglich empfand er seine Notsituation als ungerecht. Im Nachhinein muss man dem Komponisten in seiner Selbsteinschätzung rechtgeben.
  4. W. erlebte, was viele Künstler durchmachten, die neue Perspektiven eröffneten: sie wurden von ihren Zeitgenossen noch nicht verstanden. Nur konnte diese Selbsteinschätzung in der aktuellen Situation keine Hilfe sein.

Die gehässige Schrift war somit aus der persönlichen Situation heraus - pragmatisch gesagt - ein Hilferuf, auf keinen Fall ein theoretisch abgeklärtes Manifest, um den Antisemitismus zu zementieren - der Komponist hatte andere Sorgen. In der Folgezeit beschäftigte Wagner auch jüdische Künstler. Und Kollege Meyerbeer wurde durchaus noch gewürdigt angepumpt zu werden... - Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass W. sich später noch häufig in antisemitischen Äusserungen gefiel.

Das wirft grammatisch-methodisch Fragen auf:
1. Konnten die nicht lesen, die sich durch die 
   Schrift ihren Antisemitismus stärken ließen?
2. Konnten auch die nicht lesen, die - scheinbar 
   moralisch eindeutig - mit dem Zeigefinger auf 
   den Komponisten verwiesen?
Das Weglassen vorauszusetzender Zusatzinformationen
ist ein Schritt zur Abstraktion, zur Ideologisierung,
verdreht den ursprünglichen Sprechakt ("Hilferuf")
zu einer ideologischen Sachaussage. - Folglich:
3. Liegt hier ein Beispiel vor, wie Nicht-Lesen
   -Können aus einem Text ein ideologisches 
   Pulverfass macht - ganz entgegen der ursprüng-
   lichen Intention?
Wenn nur noch Wortbedeutung (Semantik) gesehen wird,
die Pragmatik jedoch übersehen, kann die kommunikative
Fehlsteuerung verhängnisvolle geschichtliche Folgen haben.
4. Gedankenlos war W. durch sein Leben hindurch nicht.
Er setzte sich mit Philosophen u.a. auseinander. Dabei
konstruierte er ein mythisches Gemälde, das nur seinen
Schwarz-Weiß-Gegensatz, seinen seelischen Grundkonflikt
ilustrierte: die edle Herrenrasse (Deutsche), vom
Himalaya stammend, hier, der das "Gesetz" (Egoismus,
Habgier) verfolgende, umherschweifende Ahasver (jüdi-
sche Symbolfigur) dort. Überdimensional und unkontrol-
lierbar werden damit Verfolgungswahn und Überlegenheits-
vorstellungen dargestellt, inszeniert, künstlerisch
gestaltet - und so der Welt entgegen gehalten. Die Musik
bot viele Neuerungen, die faszinieren konnten. 
Die Gedankenkonstruktion selbst ist eine komplex
gestaltete Ideologie.

3.3 Fortbildung - wenig durchdacht

Von der "Bundesakademie für musikalische Jugendbildung" wurde eingeladen zu einem "Berufsbegleitenden Lehrgang". Er hat als "Lehrgangsziel":

  • "Befähigung, einen kreativen und flexibel gestalteten, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Blockflötenunterricht in verschiedenen Kontexten zu erteilen
  • Erwerb fundierter und umfassender methodischer, stilistischer und interpretatorischer Kenntnisse"

Präsupponiert ist die Meinung: die Adressaten würden bislang unkreativ, unflexibel und kontextfrei unterrichten, würden auch über nur magere methodische, stilistische und interpretatorische Kenntnisse verfügen. Diese mitschwingende Wissensvoraussetzung ist deswegen deplatziert, weil die AdressatInnen

  • über ein abgeschlossenes Musikstudium und anschließende Lehrpraxis verfügen,
  • oft auch eine eigene Konzerttätigkeit ausüben,
  • oft unter SchülerInnen PreisträgerInnen hervorbringen, z.B. bei "Jugend musiziert" - bisweilen bis auf Bundesebene.

So gesehen ist der Flyer wenig durchdacht und eine Zumutung, könnte als Ausdruck von Hochnäsigkeit ausgelegt werden, wäre eigentlich durch Nicht-Teilnahme an dem beworbenen Kurs zu beantworten.

Unabgestimmt - das sei zugestanden - enthält er
durchaus auch Hinweise, es gehe darum, die vor-
handenen Kenntnisse zu "erweitern", es würden
auch spieltechnische Fertigkeiten vorausgesetzt.
Darum nur kann es gehen: Weiterentwicklung der
bisherigen Fähigkeiten - damit ist man in der Tat
nie fertig. 

Ein Text sollte auch bei den Präsuppositionen insgesamt stimmig sein und nicht Widersprüchlichkeiten servieren, die teilweise an die Grenze zur Beleidigung gehen.


4. Wissen durch sprachliche Konventionen

4.1 Eigennamen

In 4.02421 (Numerus /) Determination war davon ausgegangen worden, dass Eigennamen von vornherein "bestimmt = definit" seien. Aber dieses Merkmal fällt nicht vom Himmel, ist nicht gottgegeben. Es muss durch literarische Mechanismen hervorgerufen sein. Hier wird eine zweigeteilte These vertreten:

  1. Eigennamen von Personen / Objekten der real erfahrbaren Welt erhalten ihren definiten Charakter dadurch, dass viele/alle jene Personen / Objekte kennen, Erfahrungen mit ihnen machen konnten. Das ist der Grund, weswegen ein Name allein einen sicheren Hinweis liefert, wer/was gemeint ist. Das ist der typische Fall bei Präsuppositionen.
  2. Bei Figuren fiktionaler Texte (z.B. Roman) entfällt dieser Wissenshintergrund. Ein Autor muss eigens dafür sorgen, dass die nominell mit Eigennamen ausgestatteten, aber den Lesern zunächst noch unbekannten Figuren (indefinit), bald doch eine bestimmte = feste Größe für die Leser werden. Techniken dafür gibt es verschiedenartige: die Figur wird gleich zu Beginn ausreichend vorgestellt/beschrieben; oder ihr Profil kann durch Handlungen/Reden vom Leser selbst erschlossen werden; auch kann der Autor - das gehört dann zu 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) - über Kunstnamen gezielte Hinweise zum Verständnis liefern.

Damit können wir einen Sonderfall behandeln: Obwohl - wie gesagt - Eigennamen keinen Anzeiger für "Bestimmtheit" brauchen, weil sie aus sich heraus auf die allseits bekannte Figur verweisen (=referieren) - ein Artikel wäre sozusagen doppelt gemoppelt -, sind eben doch Verwendungen mit Artikel möglich:

Neben:                  
       "Josef hat das Auto in den Graben gesetzt"
kann man auch sagen:       
   "Der Josef hat das Auto in den Graben gesetzt."

Welchen Effekt hat also diese eigentlich unnötige Verwendung des Artikels?

  • Wie erläutert: im anzunehmenden literarischen Kontext oder Gesprächskontext braucht es den Artikel nicht, um die Leser/Hörer ins Bild zu setzen, von welcher Figur gerade die Rede ist. Das leistet auch der Eigenname allein.
  • Der zusätzliche Artikel liefert darüberhinaus die Note der Vertrautheit. Das Thema: "Um wen handelt es sich?" ist abgehakt. Zusätzlich deutet der Sprecher an: Mir und euch steht der "Josef" nahe. Sowas wie Kumpelhaftigkeit schwingt mit.

4.2 Spiel mit Klischees

Von Bayern weiß "man", dass es vorwiegend konservativ geprägt ist und allüberall gern das Brauchtum gepflegt wird - Trachten, Blasmusik, Volkstanz, reichlich Bier. Dazu gehört die Rolle der katholischen Kirche, die in der Bevölkerung stark verankert ist. - Gleichgültig, was man im Einzelnen zu bayrischen Themen sagen will: diese Präsuppositionen sollte man immer mitbedenken. - Das tat auch der Kabarettist Dieter Hildebrandt, als er sagte:

Der Missbrauch in der katholischen Kirche ist in Bayern Brauch.
  • Eine insgesamt kurze Äußerung mit der angenehmen Verheißung, dass das entscheidende Wort sogar auch noch verkürzt werden kann. Man muss sich nicht mit intellektuellem Geschwätz auseinandersetzen.
  • Damit kann das 'böse' Wort Missbrauch durch ein 'gutes', ein allgemein akzeptiertes, ersetzt werden: Brauch - welche Erleichterung! "Brauchtum" ist das, was die Region prägt und pflegt.
  • Doppeldeutig auch die katholische Kirche - für gestandene Bayern ist dies nicht zuerst die Großorganisation, sondern das Kirchengebäude im eigenen Dorf.
  • Dazu gehört, dass der Pfarrer neben der weltlichen Obrigkeit die Autorität verkörpert: was er sagt, ist wichtig, was er tut, ist gut. Eigenes Denken soll man den Pferden überlassen, weil die den größeren Kopf haben ... - so ein volkstümliches Bild für "Denkverbot".
  • Damit ist die Falle zugeschnappt. Die Behauptung: Auf jedem Dorf sei es Standard, dass der Pfarrer ...
  • Die Kehrseite des ach so geliebten Brauchtums wird vorgezeigt: Kindesmisshandlung - hässliche Rückseite der bevorzugten Lebensweise.

Der Spruch dürfte also ein Doppeltes einschließen:

  1. Er ist keine kriminalistisch abgesicherte Aussage/Recherche zu realen Vorkommnissen in Bayern (= Wortbedeutung; sie verlangt Dekonstruktion, eine Neuformulierung dessen, was eigentlich gemeint sein dürfte).
  2. Aber er ist eine äußerst scharfe Geißelung einer breitflächigen Tradition der Obrigkeitshörigkeit, des Wegschauens, der geistigen Selbstaufgabe, der Übernahme autoritärer Muster, = einer antidemokratischen Einstellung (=gemeinte Bedeutung).

5. Wörter und Verfallsdatum

5.1 Geschichtliche Epochen

Auszüge aus: R. Griesbeck, Der Turm von Schwafel. München 2010:

(306f) "Lassen Sie sich doch mal von diesen Wörtern
zu einer Zeitreise anregen: Flakhelfergeneration,
Trümmerfrauen, Carepaket, Schwarzmarkt, Displaced
Persons, Heimatvertriebene, Rosinenbomber, Kollek-
tivschuld, Siegerjustiz, Mitläufer, Persilscheine,
Entnazifizierung, Vergangenheitsbewältigung, Mar-
shallplan, Oder-Neiße-Linie, Währungsreform, D-Mark,
Wirtschaftswunder, Spätheimkehrer, der Kalte Krieg,
Fräuleinwunder, der Eiserne Vorhang, Ostermarsch,
Wiedergutmachung, Vergangenheitsbewältigung, Godes-
berger Programm, Mauerbau, antifaschistischer
Schutzwall, Schaufenster Berlin, Spiegelaffäre,
Contergan, Republikflucht, Notstandsgesetze,
Kriegsdienstverweigerer, Kommune 1, Langhaarige,
sexuelle Revolution, Minirock, die Pille, Auf-
klärung, antiautoritäre Erziehung, Prager Frühling,
Ostverträge, Bürger in Uniform, Berufsverbot, Öl-
krise, real existierender Sozialismus, RAF, Deut-
scher Herbst, Intershop, Friedensdienst, Fünf-
jahresplan, Häuserkampf, Autonomie, Gammler,
Emanzipation, Neue Deutsche Welle, Konsumterror,
Ostfriesenwitze, Bürgerinitiativen, Dritte Welt,
Friedensbewegung, Waldsterben, Menschenkette,
Realos und Fundis, die Auschwitzlüge, Macho und
Softi, geistige Wende, Baghwan, Aussteiger, Punks,
Skinheads, Historikerstreit, Tschernobyl, Restrisiko,
atomwaffenfreie Zone, Perestroika und Glasnost,
soziale Hängematte, der Grüne Punkt, Pillenknick,
Yuppie, Leistungsgesellschaft, Schickimicki,
Aids, Postmoderne, Montagsdemonstrationen, Jammer-
ossi und Besserwessi, abwickeln, Treuhand, Ostalgie,
Asylantenschwemme, sichere Drittstaaten, Europa der
Regionen, Ballermann, Peanuts, Wirtschaftsstandort
Deutschland, Globalisierung, Reformstau, Großer
Lauschangriff, Moralkeule, die Neue Mitte, Genera-
tionenwechsel, Bündnis für Arbeit, soziale Gerech-
tigkeit, Bad Banks."

Meist könnte man jeweils die Wortbedeutung beschreiben. Aber damit würde übergangen, dass mit den Wörtern/Wortketten immer auch das Wissen um konkrete geschichtliche Situationen verbunden ist. Das sind eben die Präsuppositionen. Indem so ein Wort, solch eine Wortkette, ausgesprochen wird, kann man sicher sein, dass bei den meisten Hörern dieses gemeinsam geteilte Wissen ebenfalls aktiviert wird - auch ohne dass es explizit angesprochen wird.

5.2 "Agnus Dei" - "Lamm Gottes"

In christlichen Gottesdiensten / Theologie ist es ein Fixpunkt / zentrales Bekenntnis, dass der am Kreuz gestorbene Jesus das "Lamm Gottes" sei, das für die Schuld aller starb. Also brauche es keine weiteren derartigen Opfer.

Diese Aussage benötigt das Wissen = Präsupposition, dass im Jerusalemer Tempelkult Schuld- und Sühneopfer, also Tieropfer, breit belegte Praxis waren - und das Fell der Tiere bekam das Kultpersonal als Lohn für seine Dienste. - Vor solch einem Hintergrund ist die Wendung der ersten christlichen Theologen revolutionär: Abkehr von diesem teuren und exzessiven Schlachten. Kein Wunder, dass die Tempeltheologen verärgert waren.

Heutzutage kennen z.B. in Mitteleuropa die Menschen keine Tieropfer, diese gehören nicht zu ihrem kulturellen 'Repertoire'. Folglich ist der wiederholte Verweis in Gottesdiensten, natürlich auch in Messvertonungen, auf das "Lamm Gottes" ohne "Sitz im Leben", ist nur noch 'Archivarbeit', antiquiert, Erinnerung an ein Denken, das Jahrtausende zurückliegt.

Zudem: wenn laut christlichen Theologen das Thema "Schuld" - in einem grundsätzlichen und abgehobenen Sinn ('die Versöhnung mit Gott müsse erreicht werden') - überwunden ist (Verfehlungen im Sinn säkularer Justiz sind davon nicht betroffen), dann muss man heute die Menschen nicht ständig weiterhin mit diesem Thema traktieren - es sei denn man will sie geistig gängeln und will diese 'Knute' nicht aus der Hand geben. Stattdessen macht die alte Wende längst schon den Weg frei, das alte "Schuld"denken weit hinter sich zu lassen. - Aber genau für einen solchen neuen, 'befreiten' Lebensstil sind die christlichen Gemeinschaften nicht bekannt.


6. Sprachliche Fehlleistungen

6.1 Hohlspiegel

Aus der Nummer 44/2011 - sicher könnten jede Woche neue Beispiele nachgetragen werden. Gleich mehrere aufgespießte Journalistenprodukte übersehen, dass die LeserInnen ja schon etwas an Weltwissen haben.

Aus dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Die Kuh lief, ohne
sich um den Verletzten zu kümmern, weg."

Eine derart fehlende Sensibilität muss man Kühen landauf landab schon zugestehen. Das muss man nicht betonen.

Aus der "Saarbrücker Zeitung": "Akustisches Konzert in
der Reithalle"

Gibts auch nicht-akustische Konzerte?

Aus der "Kieler Zeitung": "Eichhörnchen sammeln vieler-
orts fleißig Kastanien, aber auch zahlreiche Kielerinnen
und Kieler."

Da ist die Näherbeschreibung verrutscht:4.031 Näherbeschreibung – Koordination / Reihung. Soll sie sich - so zunächst der Anschein - auf die "Kastanien" beziehen? Dann wäre der 2.Aktant erweitert. Gesammelt werden also auch "Kielerinnen und Kieler". Das Weltwissen empfiehlt dann aber doch die Korrektur: der 1.Aktant wird nachträglich erweitert: nicht nur die Eichhörnchen sammeln, sondern auch ...

Aus den "Kieler Nachrichten": "Lebenswerter Ort für Sterbende"

Damit liefert auch das lokale Konkurrenzblatt einen Beitrag: Das Weltwissen unterstellt, dass Sterbende nur kurz das Attribut "lebenswert" würdigen können.

Aus dem Buch von Margot Käßmann, "In der Mitte des Lebens":
"Und am Ende feiern sie zusammen den 50. Geburtstag,
den die Älteste von ihnen als Erste erlebt."

Wo die Autorin recht hat, hat sie recht. Aber warum muss man durch den Relativsatz eine derartige Banalität herausstreichen?

Aus der Nummer 4/2012:

Aus der "Rheinischen Post": "Was an Rhein und Ruhr als Regen
niederkommt, wird in den höheren Lagen zu Schnee."

Das Weltwissen der Leser ahnt, dass Regen nicht wieder aufsteigt und dabei zu Schnee wird. Außerdem lässt /Niederkommen/ an den Geburtsvorgang denken - was dann zu vollends verqueren Assoziationen führt. Es ist eine sprachliche Leistung, in einem Satz, der Teil einer nüchternen Prognose sein will, zwei eklatante Widersprüche zu allgemeinen Wissensstandards unterzubringen.

Aus der Nummer 22/2014:

"Allgäuer Anzeigenblatt": "SPD-Europaspitzenkandidat
Martin Schulz hat Vorwürfe der CSU zurückgewiesen,
er wolle die Kruzifixe nicht aus dem öffentlichen Raum
verbannen."

<<VERBANNEN>> ist eine Verbbedeutung, die etwas negiert. Dann noch ein explizites "nicht" in den Satz gepackt - schon wird es unübersichtlich. Es ist nicht das Verneinungswort allein, das verneinen kann.

"Mittelbayerische Zeitung:" "Häufig gehen wir Menschen
mit Vierbeinern um, als wären sie keine Lebewesen. Wir
halten Hühner auf engstem Raum..."

Zum Wissensstandard der LeserInnen dürfte gehören, dass Hühner Zweibeiner sind ;-)

Aus der "Welt": "Als die Polizisten sich näherten,
erschossen sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und
zündeten das Auto an."

Das allgemein verfügbare Weltwissen vermutet, dass die Reihenfolge umzukehren ist.

Aus der "Nordwest-Zeitung": "Mit erstmals mehr als 12000
Studierenden hat Oldenburg nach Hannover, Göttingen und
Braunschweig die drittgrößte Uni in Niedersachsen."

Die Grundrechenarten sind in der Leserschaft relativ verbreitet ...

Aushang vor einem Behördengebäude in Speyer:
"Ministerium des Innern und für Sport Rheinland Pfalz 
    Pädagoisches Landesinstiut"

Grundkenntnisse in Orthografie sind außerhalb der Behörden auch verbreitet. - Vielleicht gehörte der Aushang eher zum Weinbauministerium...

Aus 32/2014: Aus dem Badischen Tagblatt:

"Im Schlaf soll eine 67-Jährige mit einem Fliesenschneider
auf ihren Ehemann eingeschlagen und dann mehrmals
mit einem Messer auf ihn eingestochen haben".

Wenn sie das "im Schlaf" gemacht hat, - wieso ist das der Zeitung eine Meldung wert? Vielleicht ist aber nur sprachlich die Präpositionsverbindung verrutscht: Hat etwa der Mann geschlafen?

Aus derselben Nummer:

"Der Überfall kommt für das Schreibwarengeschäft zur
Unzeit" 

- laut Cellescher Zeitung. <<ÜBERFALL>> - die Bedeutung näher untersucht - vgl. [15] - würde erbringen, dass darin eine negative Wertung steckt. <<UNZEIT>> bietet eine solche schon via Vorsilbe. Insgesamt also doppelt gemoppelt. Was ist nun also die Nachricht?

Und noch dies - laut Hannoverscher Allgemeiner Zeitung:

"Sechs Jahre alt war Rojinski, als sie im März 1991 mit
ihren russisch-jüdischen Eltern und der neun Jahre
jüngeren Schwester aus Russland nach Berlin zog."

Grundrechenarten können auch bei den Lesern vorausgesetzt werden. Mit allem kann man sie denn doch nicht verkohlen.

Aus 38/2014:

Aus einer Pressemitteilung der Agaplesion Diakonie
Kliniken Kassel: 
'RTL II zeigt jetzt Geburt einer 17-Jährigen in der
Frauenklinik Dr. Koch'
  • muss man fragen: "erst so jung" ist sie, oder "schon so alt"?
  • Altes Problem im Deutschen, dass 1.Aktant [16] und 2.Aktant[17] nicht immer äußerlich klar unterscheidbar sind.
  • Der Genitiv im Rahmen der Näherbeschreibung[18] verwischt den Unterschied.
  • Muss eben das Weltwissen weiterhelfen.

Aus 9/2016:

Aus der "Neuen Westfälischen": "Millionenfach wird männ-
licher Hühnernachwuchs in Deutschland getötet - laut
Tierschützern bei lebendigem Leib.

Die Bedeutung <<TÖTEN>> setzt voraus = präsupponiert, dass diese Handlung nur an lebenden Wesen vollzogen werden kann. Das zu betonen ist die Zeitungsmeldung überflüssig.

William gilt als moderndes Gesicht der Monarchie. 
Aus der Illustrierten "Neue Welt"

Welcher unbewusste Impuls hat dafür gesorgt, dass ein weiterer Buchstabe eingefügt wurde?

Aus der "Amberger Zeitung": "Menschliche Gebeine lagern
auch im Landesamt für Archäologie, das Bestände aus
300 000 Jahren Menschheitsgeschichte aufbewahrt. Bei
den Gebeinen handelt es sich zumeist um Knochen und
Asche von Toten."

Die Erläuterung im letzten Satz ist misslungen:

  • dass "Gebeine" = "Knochen" - gehört zum Weltwissen der Leser
  • "Asche" kann man nicht unter "Gebeine" einordnen

Aus 12/2016 Die "Süddeutsche Zeitung" hatte geschrieben:

"Niemand nahm die Tagebücher des Franziskanermönchs
zur Kenntnis; sie wurden erst 1956 in einer Bibliothek
in Palma de Mallorca wiederentdeckt. Weitere hundert
Jahre vergingen, bis die Außenwelt Notiz von den
archäologischen Schätzen nahm."

Die Grundrechenarten = Standard-Weltwissen beherrschen die Leser im Allgemeinen.

6.2 Witze

... - wenn sie Kommunikationsunfälle zum Thema haben - scheinen sprachlich tolpatschig zu sein. Indem sie die Szene, den Vorfall, artikulieren, machen sie aber sinnvoll auf einen Aspekt der Kommunikation aufmerksam, auf den man auch außerhalb des Witzes achten sollte.

Auch bei Präsuppositionen: Unausgesprochen und selbstverständlich denkt die Dialogpartnerin primär an den Partner selbst; dieser jedoch nur an seine Hose - die Kollision ist unausweichlich. aus: 100 witzigste Witze. Tübingen 2008. (= Sammlung von Witzen, die von Kindern eingereicht wurden). Von Tanja Stevanovic, 11 Jahre alt, aus Tübingen:

Herr und Frau Meyer sitzen beim Abendessen. Da
kleckert Herr Maier Quark auf seine Hose. Da
ruft er: "Ich sehe ja aus wie ein Schwein!"
Darauf seine Frau:
"Und jetzt hast du dich auch noch bekleckert!"
   

Auf lustige Weise durchgespielt wird:

  • Durch (Pro)Nomen kann man eine eigenständige Bedeutung aussprechen, vgl. [19].
  • Man kann neben dem Gesagten etwas anderes meinen, vgl. [20].
  • Das Missverständnis besteht darin, dass die Frau die "Schwein"-Aussage nicht - wie es der Mann tut - als Explikation des Bekleckerns versteht, sondern als zusätzlichen, eigenen Sachverhalt, vgl. [21], deswegen mit "und" angeschlossen. Allerdings: die Konjunktion "und" allein wäre mehrdeutig, sie sichert nicht das Umschalten: weg von der Explikation! - Folglich wird das "und" unterstützt durch "auch noch". Nun versteht jeder: die Frau spricht von einem neuen, zusätzlichen Sachverhalt. Das Funktionieren des Witzes hängt ganz wesentlich an diesen beiden Wörtchen.
  • Eine heftige negative Wertung ist im Spiel - vgl. [22] -, aber nicht im streng semantischen Sinn (auf Satzprädikat bezogen), sondern als übertragene Bedeutung, vgl. [23].
  • Auf jeden Fall steht die auch sonst noch wichtige Möglichkeit aus dem Prädikationsmodell im Hintergrund, wie man zwei Bedeutungen in Relation zueinander setzen kann. Im Moment steht zur Debatte, ob ausgesagt ist: X ("Hose") ist-Teil-von Y ("Mann") - oder ist unabhängig eine Aussage zu X gegeben, zusätzlich eine zu Y? - vgl. [24].
  • Beispiele einschlägig im Sinn von:[25]
  • Bei kritischerer pragmatischer Beleuchtung müsste man schon noch klarstellen, dass "Hose" nicht ein Teil des "Mannes" ist, sondern von ihm nur in Gebrauch genommen wurde. Zuordnung ist auf gemeinter Ebene der passendere Terminus. Zumindest dies - die stärkere Trennung beider Bedeutungen - hatte die Frau in ihrer Antwort vollzogen ...

Mit solchen Analysehinweisen soll natürlich nicht das spontane Erleben = Lachen unterlaufen werden. Sondern umgekehrt: Nachdem man den Witz genossen hat, kann man fragen, welche grammatische Konstruktion denn zu solch einem Effekt führte? Denn vom Himmel gefallen ist der Lacherfolg nicht, er ist herbeigeführt durch das, was grammatisch in den mickrigen zwei Zeilen eingebaut ist. Durch die nachträgliche Analyse wird auch klar, welche Entschlüsselungsprozedur jede/r spontan und blitzschnell beim Hören abwickelt. Die grammatische Betrachtung macht dies nur nachträglich sichtbar - letztlich wird der Genuss dadurch verlängert ...

6.3 Simulierte Fehlleistung: Satire

Einiges an Wissen aus der politischen Situation im Sommer 2014 wird vorausgesetzt: [26]

7. Politik

7.1 Westen - Russland (2014)

Unterschiedliche Wissensvoraussetzungen / Prägungen verhindern manchen vernünftigen Dialog. Die Literatin Swetlana Alexijewitsch (ukrainische Mutter, weißrussischer Vater) in SPIEGEL 17/2014:

Den Wunsch des Westens, in einen Dialog einzutreten,
interpretieren die Russen als Zeichen der Schwäche.
Natürlich ist es richtig, den Dialog zu wollen,
aber du musst wissen, mit wem du es zu tun hast.
Und die Menschen im Westen vergessen immer, dass
die Russen eine ganz andere psychologische Ver-
fassung haben als sie selbst. Sie vergessen, dass
sie es mit einer Gesellschaft zu tun haben, die
in ihrer ganzen Geschichte immer nur Gewalt
erlebt hat. Die Russen haben nicht einmal eine
vage Vorstellung davon, was eine zivile Gesell-
schaft sein könnte. Was haben die Eltern ihren
Kindern erzählt? Sie kamen aus dem Krieg zurück,
aus dem Lager, und haben von Gewalt berichtet.
    Der Westen sieht das nicht. Der Westen will
den Russen die eigene Sicht überstülpen, er
wundert sich, dass die Russen sich so verhalten,
wie sie es nun mal tun. ... Die Leute hier
wenden ihre eigene Psychologie auf uns an, und
das funktioniert nicht. ... Der rote Mensch
will Revanche für die unendlichen Leiden, die
er erlebt hat. Die Leiden haben nicht dazu
geführt, dass er eine Würde, eine innere
Freiheit errungen hat. Er ist aggressiv geworden.

7.2 FAZ - Erster Weltkrieg

Welches verquere Allgemeinwissen setzt die renommierte Tageszeitung voraus? - vgl. HOHLSPIEGEL 27/2014:

"Selbst die deutschen Könige, als sie am Ende
des Ersten Weltkriegs abdankten, blieben nicht
in den Städten, sondern zogen sich aufs Land
zurück. Dort leben die meisten von ihnen heute
noch."

7.3 Rechtfertigung von Krieg

... ist nur möglich, wenn der Gegner abgewertet, als böse dargestellt wird, vgl. [27], und wenn ihm somit Nicht-Existenz zugemessen wird, vgl. [28]. Dies - mit praktischen Beispielen - die Position von [29].

7.4 Gesellschaftlicher "Rahmen"

Mit dem Begriff scheint gemeint zu sein: Eingeschlossen in dem "Rahmen" ist das, was gesellschaftlich akzeptiert - bzw. nicht-akzeptiert ist, also so etwas wie eine gesamtgesellschaftliche, somit allgemein präsupponierte Orientierung.

Aus STERN (11.2.2016) S.36:

"Die AfD möchte bei ihrem Wahlkampftermin im
'Staßfurter Landhaus' südlich von Magdeburg
lieber keine Presse. Um so interessanter ist
es, was Matthias Büttner, AfD-Kandidat für die
Landtagswahl, zu sagen hat: 'Wir haben den
Rahmen des Sagbaren ja schon ein bisschen aus-
gedehnt. Und das müssen wir auch, den Rahmen
des Sagbaren noch weiter ausdehnen. Auch durch
Leute, die mal über diesen Rahmen hinaus-
schießen.'
   Büttner hat damit das Erfolgsrezept der
AfD beschrieben. Ständig bewegt sich die Partei
an der Grenze des 'Sagbaren' entlang, an der
Schnittstelle zwischen dem, was gerade noch
so als akzeptabel durchgeht und der politischen
No-go-Area. Björn Höcke spricht von 'Volksem-
pfinden'. Frauke Petry von Schüssen auf Flücht-
linge. Hinterher hat man es nicht so gemeint
oder wurde falsch zitiert. Dahinter steckt
Methode. Es ist die alte Guerilla-Taktik von
Vorstoß und Zurückweichen - übertragen auf
den politischen Grabenkampf. 
  So wird die AfD dieses fragile Bündnis zwi-
schen enttäuschten Kleinbürgern, populisti-
schen Agitatoren und Rechtsradikalen, die es
gern ein wenig brauner hätten, rhetorisch zu-
sammengehalten, gleichzeitig die Sprache aber
Schritt für Schritt brutalisiert - auch die
der gemäßigten Anhänger. Vom Wort zur Tat kann
der Abstand dadurch gefährlich klein werden.
Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunter-
künfte hat sich 2015 laut Bundeskriminalamt
verfünffacht." 


8. Präsuppositionslöschung

Angenommen, Partner1 in einem Dialog erkennt, dass Missverständnisse, Unergiebigkeit des Dialogs daher rühren, dass Partner2 von ganz anderen, aus seiner Sicht falschen Präsuppositionen ausgeht, so kann er das aktuelle Thema für eine Weile auf sich beruhen lassen, und versuchen, die falschen Präsuppositionen von Partner2 anzusprechen und zu löschen, d.h. unwirksam zu machen. Dann wieder Rückkehr zum Thema des Dialogs - mit nun besseren Erfolgsaussichten.

8.1 Überhöhung eines Partners

In der Josefsgeschichte - vgl. [30] - sind die Brüder anfangs voller Neid und Hass auf Josef - Vater Israel hatte ihn bevorzugt behandelt. Nach einer Reihe von Komplikationen, Gefahren und letztlich einer Annäherung, dreht sich das Verhältnis: Josef hat den Eindruck = die Präsupposition, dass die Brüder aufgrund von Schuldbewusstsein und inzwischen erfahrener Wohltaten Josef überhöhen und sich selbst extrem kleinmachen - sie werfen sich auch wiederholt vor Josef in Verehrung nieder.

Auch in diesem zweiten Fall ist kein ausgewogenes, 'normales' Verhältnis miteinander möglich. - Das gefällt Josef nicht. Die falsche Präsupposition spricht er mit Gen 50,19d an, mit einer rhetorischen Frage, die die bestehende Präsupposition hinwegfegt:

"Stehe ich etwa anstelle Gottes?"

Antwort natürlich: Nein! - Somit ist der Weg frei zu einem gleichberechtigten Verhältnis unter den Brüdern.

8.2 Präsuppositionslöschung durch besondere Feierlichkeit: Fasten- und Passionszeit

Im Kontext christlicher Kirchen/Theologien ist die Betonung der Heilsbedeutung des Todes Jesu Christi zentral. Die Menschheit sei dadurch erlöst worden, jeder Mensch fortan gerechtfertigt vor Gott, ein neues Gottesverhältnis damit grundgelegt usw. usw. - Dazu einige Anmerkungen von unserem Grammatikkonzept her:

  1. die jährliche 40-tägige Fasten-, die anschließende Osterzeit rücken die genannten inhaltlichen Aspekte überdimensional in den Blick. Durch vielerlei Riten, Begehungen, musikalische Gestaltungen über Jahrhunderte hinweg, ebenso durch Maler und ihre Kunstwerke wird die Wortbedeutung der entsprechenden neutestamentlichen Texte (Stationen des Kreuzwegs, Kreuzesdarstellungen) breit und oft genug eindrucksvoll gestaltet.
    1. Wie bei Texten kann, ja muss man bei Gemälden, Skulpturen, Musikwerken o.ä. zunächst - ohne auf Bedeutungen zu achten - sorgfältig beschreiben, was sich den Sinnen darbietet, vgl. [31], was folglich von vielen Rezipienten wahrgenommen werden kann. Nichts wird tiefsinnig hineingeheimnisst, sondern geprüft, worin sich alle Wahrnehmenden einig sind - jeder kann zur Verfeinerung beitragen. Diese vom Zugang her 'leichteste' Übung wird häufig übergangen oder allenfalls in einer Schrumpfform praktiziert - weil häufig als 'banal, selbstverständlich' missverstanden. Dadurch aber entzieht man sich beim Übergang zu den Bedeutungen dem Künstler und dessen Führung, stattdessen lässt man seinen Assoziationen freien Lauf - die Akzentuierung genau des vorliegenden Werks geht dabei verloren: die angemessen ästhetische Wahrnehmung ist hier schon gescheitert. - Nach der rigiden Konzentration auf die Ausdrucksseite folgt der Übergang zur Bedeutungsebene:
    2. Methodisch bleibt man zunächst im Bereich SEMANTIK, vgl. [32]. Gegen diese Konzentration - zunächst - auf die Wortbedeutung ist nichts einzuwenden: Damit muss - auf Bedeutungsebene - jede Auseinandersetzung mit einem Text / Bild usw. beginnen. Wichtig: Rückkoppelung an die Erkenntnisse zur Ausdrucksseite (vorige Ziff.1.1), also die dort beobachteten Verbindungen, Hervorhebungen, Gliederungen. (Natürlich wird mit diesem Hinweis auf die Wortbedeutung nicht jede Einzeldurchführung 'abgesegnet': Häufig genug hatten wir Anlass, den standardmäßig unliterarischen, oberflächlichen, Text und (historische) 'Wirklichkeit' gleichsetzenden Textzugang im Bereich Theologie/Kirchen zu kritisieren).
    3. Dann aber muss in der PRAGMATIK, vgl. [33] eine umfassende Revision der semantischen Ergebnisse einsetzen - ansonsten würde man kritiklos den Momenten/Aussagen der SEMANTIK verfallen - ein naives Verstehen wäre die Folge.
  2. Uns interessiert inzwischen, welche Präsuppositionen beim thematischen Zusammenhang (Passion) im Spiel sind, also die literarische, gesellschaftliche Rückseite jedes Textes, methodisch als Ausklang der PRAGMATIK. Nicht das "Ob" ist die Frage - jeder Text hat "Präsuppositionen", ansonsten gäbe es ihn nicht -, sondern welche. Kein Text wird in einem Vakuum produziert, sondern in eine gesellschaftliche, geistesgeschichtlich konkrete Lebenswelt hinein. Sie ist es, die als bekannt vorausgesetzt, eben präsupponiert wird. - Für die Erstadressaten - im Moment geht es um neutestamentliche (NT) Texte - kann das so gelten. Wir heute aber sind von der Ursprungssituation der einschlägigen NT-Texte 2 Jahrtausende getrennt - daher bedarf es für uns einiger Anstrengung und Reflexion, um die damals geltenden Präsuppositionen bewusst zu machen.
  3. Die Passionsschilderungen der Evangelien (Ev) schließen an relativ umfangreiche Erzählungen aus dem Wirken Jesu an - Erzählungen wohlgemerkt, keine Berichte! Damit lässt sich einiges zu den Präsuppositionen sagen. Andeutungen in Stichwörtern: Sobald die Gefangennahme Jesu, seine Verurteilung usw. erzählt wird, verfügen Ev-LeserInnen bereits über das Wissen, dass Jesus kein frommer Tempelgänger und Opferer gewesen war, dass er die Dreistigkeit besessen hatte, der unumstößlichen Autorität des Mose seine eigene entgegenzusetzen ("Ich aber sage euch"), dass er sich nicht mit der Bild- und Gedankenwelt der überlieferten (hebräischen) Bibel begnügte, sondern poetisch eigene, anschaulich-spannende Gleichnisse entwarf, und die Wundererzählungen tun ein Übriges, die Figur Jesu als machtvoll und unvergleichlich zu umreissen usw. kurz: Dieser Mann aus Nazaret - ausgerechnet aus jenem verachteten Nest! - brach dauernd in die Zuständigkeit der etablierten jerusalemer Hierarchie ein, ohne selbst dazuzugehören. Er nahm sich die Freiheit, selbst zu denken und eigenverantwortlich zu handeln - nicht aus egoistischem Interesse, sondern mit Blick auf das Wohl vieler; in vielen seiner Reden verlangte er ein Umdenken, stand also im Kontrast zu dem, was in damals gängiger Theologie Standard war. Das 'Einbrechen in die geistlich-hierarchische Zuständigkeit' wird auch mal praxisnah geschildert: indem Jesus die Händler mit Schlägen aus dem Tempel vertreibt. D.h. was zu seiner Zeit unter 'Religion' firmierte, erschien ihm als pervertiert. Präsupponiert: die Religionsbeamten waren unfähig, dafür zu sorgen, dass die Menschen ihren inneren Bedürfnissen akzeptabel nachgehen konnten. Jesus musste der Umwelt nicht lediglich als Reformator erscheinen, sondern als Revolutionär. Präsupponiert: es könnte für ihn persönlich schwierig werden, sich vollends durchzusetzen. Etablierte (Religions-)Systeme pflegen sich mit Zähnen und Klauen zu wehren. Sie sind reformunwillig, zufrieden mit dem erreichten Stand - ihre Repräsentanten leben ja auch gut davon.
  4. Jedoch: Die Reaktion des 'gemeinen Volkes' zeigte, dass diese neue Lebens-/Glaubenseinstellung attraktiv war, 'ankam': An die Stelle von mehreren hundert Geboten/Verboten, die bei Strafandrohung zu beachten waren - mechanisch an viele (z.T. teure) Riten gebunden -, traten Vertrauen, psychologische Einfühlung, Liebe und Ermutigung. In dieser Form wurde dann auch von "Gott" gesprochen, vom "liebenden Vater".

So etwa sieht der Komplex an Präsuppositionen aus, der bei Lesern/Hörern der Evv bereitliegt, der aufgebaut wurde, wenn sie vom Anfang des jeweiligen Ev her an den thematischen Bereich "Passionsgeschichte" kommen. Viele dieser Merkmale können sie auch heute noch selbst empfinden, wenn sie in den Evv die Texte vor der Passionsgeschichte lesen; andere/weitere Merkmale werden sichtbar, wenn zusätzliches zeitgeschichtliches Wissen zur Verfügung gestellt wird (zu Judentum, Tempel), um die inzwischen wirksame Zeitdistanz zu überbrücken. - Es gibt sogar mehrere Gütekriterien dafür, dass die von uns zusammengestellten, für damals geltenden Präsuppositionen korrekt sind:

  • Kein Ev ist literarisch aus einem Guß, sondern stellt eine nachträglich literarisch strukturiert zusammengestellte Sammlung heterogener Texte dar. Das heißt, das hierbei entstehende Bild von Jesus beruht auf der Beobachtung vieler. Wir sind nicht der fiktionalen Welt eines Einzelnen ausgeliefert.
  • Wenn das dabei entstehende Jesusbild - aller individuellen Vorlieben der einzelnen Evangelisten zum Trotz - insgesamt als stimmig und kohärent zu beurteilen ist, dann lassen sich daraus die oben angedeuteten Merkmale ableiten. Dann lässt sich auch unterstellen, dass wir es nicht lediglich mit den Meinungen jener zu tun haben, die Dicta, Episoden, Wundererzählungen dankenswerterweise schriftlich festgehalten haben. Sondern mit diesen sprachlichen Einheiten hat der reale Jesus seine Zeitgenossen erreicht - die Adressatenzahl ist also um einen unbekannten Faktor zu multiplizieren. (Wie realistisch die "5000 Männer" - zu Beginn der Bergpredigt genannt - bleibe offen, zumal Mt 5-7 ohnehin keine Redemitschrift ist, sondern eine Zusammenstellung. Aber die Zahlangabe zeigt zumindest ein ähnliches Bedürfnis wie wir es gerade formulieren: anzunehmende Adressierung einer Vielzahl von Zeitgenossen). Das Auftreten des Wanderpredigers mutierte zu Allgemeinwissen = Präsupposition.



Halten wir fest: Der erste neutestamentliche Autor, der all diese Aspekte ignoriert, somit verdrängt und löscht, ist Paulus. Von den bisher genannten/angedeuteten Merkmalen (aus Punkt 3) findet sich bei ihm nichts. Paulus konzentriert sich ganz auf die Heilsbedeutung von Tod und Auferstehung/Auferweckung Christi, die Rechtfertigung des Sünders (Erbsünde) vor/durch Gott. Der poetisch durch die Kraft des Wortes, durch den scharf-kritischen Blick für die aktuelle Religionspraxis und durch seine Menschenfreundlichkeit wirkende irdische Jesus interessiert nicht; stattdessen wird in global theologischem Rahmen durch Paulus das physisch tragische Schicksal dieses Menschen beleuchtet und behauptet: daraus ergebe sich das Heil für den Rest der Menschheit. Es interessiert der von Gott rehabilitierte, zu sich aufgenommene Christus. Leiden und Tod jenes Einzelnen bekommt im Blick auf die Menschheit einen guten Sinn zugeschrieben, ist sozusagen gerechtfertigt, "gut" - auch wenn alle natürlichen Empfindungen dagegenstehen. Eine hochtheologische Verdrängung ist somit im Gange.

Dadurch vollzieht sich eine folgenreiche Präsuppositionslöschung: das breit bezeugte Wirken Jesu wird nicht mehr erwähnt; fokussiert wird allein noch sein Ende, also Tod und Auferstehung, breit dargelegt wird die Heilsbedeutung dieses Schlussakts im Leben Jesu.


Wenn in der Folgezeit Kirchen/Theologien rituell - Fasten-/Passionszeit/Ostern, auch in jeder/m Eucharistiefeier/Abendmahlsgottesdienst - genau die selbe Umpolung vollziehen, folgen sie dem Vorgänger Paulus. Indem sie dies mit großer Feierlichkeit bzw. umfangreichen Disputen tun - die Reformation und damit verbundene Kirchentrennung basiert darauf -, zeigen sie - ohne es im Klartext auszusprechen -, dass ihnen der Themenbereich "Passion", dieser selektive Umgang mit der überlieferten NT-Literatur, sehr wichtig ist. Was sind demnach die unausgesprochenen Präsuppositionen von Kirchen/Theologien?

  • Begriffe wie "Rechtfertigung, Heil, Gericht, Gnade usw." ins Zentrum der Debatte gerückt, praktizieren Abstraktion, vgl. [34]. Sie mit ein wenig Logik zu verarbeiten klingt dann zwar sehr intellektuell, abgehoben, fällt zwangsläufig durch Blässe der Gedankenführung auf - und steht so im sprachlichen Widerspruch zu pittoresken, spannenden, auf eine Pointe zulaufenden Gleichnissen -, macht aber genau so Eindruck in der Gemeinschaft, v.a. wenn diese ohnehin auf Intellektualisierungen eingestellt ist. Aber von der geistigen Verarbeitung und Differenziertheit her ist dieses Verfahren weniger anstrengend als eine poetisch angemessene Beschreibung etwa eines Gleichnisses. Dessen Anschaulichkeit hat oft schon zur intellektuellen Hochnäsigkeit verleitet - ein gravierender Fehler. D.h. mit dieser Weichenstellung im Gefolge des Paulus entfällt methodisch [35] und all die pragmatischen Folgepunkte.
  • Zwischenbemerkung 1: Es mag viele nicht interessieren - aber der Hinweis soeben zeigt, wie grammatisch-methodisch derartige Theologen sich und andere geistig beschränkt halten: die Erkenntnismöglichkeiten eines pragmatischen Herangehens bleiben ungenutzt - intuitiv korrekt wird geahnt = präsupponiert, dass sonst die eigene, ideologische Gedanken-, aber auch Kirchenstruktur ins Wanken geriete.
  • Zwischenbemerkung 2: Was wir als PRAGMATIK verstehen, fände auch bei Abstrakta und darauf aufbauenden Gedankenketten noch genügend Aufgaben. Das Übergehen etwa von Gleichnis- oder Wundertexten macht nicht schon die eigentliche theologische Aussage sichtbar - ein Fehlschluss zugunsten von Paulus. Sondern auch paulinische Texte enthalten noch genügend Sprachbilder, die erst noch zu dekonstruieren wären - man denke an "Auferstehung/Auferweckung", "Gott", "G.'s Handeln" usw. Häufig genug finden Theologen aus diesen Sprechweisen nicht mehr heraus, nageln heutige Leser somit auf ein naives (z.B. personifizierendes) Sprachverstehen fest.
  • Methodisch ist die Selbstbeschränkung, die schon Paulus praktiziert, somit sehr viel schlichter als der Einstieg in den Bereich der Poesie, heute die Textbeschreibung zusätzlich ausgebaut durch Brücken zur Psychologie.
  • Wer als alter oder neuer Dogmatiker so sprachlich dumpf verfährt, hat Machtinteressen. Er rechtfertigt seine eigene Gemeinschaft und setzt im gleichen Zug die 'Gegenpartei' ins Unrecht - Paulus darin schon frühes Vorbild. - Mit einer Reihe von Gleichnissen jedoch lässt sich keine Kirchenstruktur errichten. Insofern wäre eine Umpolung der Blickrichtung - starke Einbeziehung von Gleichnissen, Wundergeschichten u.ä. machtpolitisch gefährlich, würde aber den Zugang zum historischen Jesus erleichtern, wogegen ein Hin- und Her-Wälzen einiger Abstrakta für das eigene persönliche Suchen fruchtlos bleibt. Gewonnen werden kann: Einsichten zur Argumentation und Empfindungsweise Jesu; da stört es nicht, wenn Erkenntnisse zu historisch-realen Lebensumständen Jesu gegen Null tendieren auf Basis von NT-Texten.
  • Die Präsupposition hierbei ist schlicht: Der jeweilige Vertreter seiner Kirche praktiziert mit Argumentationsaufwand, dass er und seine Kirchengemeinschaft richtig liegen, die anderen folglich nicht. (Würde er anders verfahren, wäre er in vielen Fällen seine Stelle los. In früheren Zeiten wurden für solche Fälle Scheiterhaufen angezündet. Man denke an Jan Hus vor 600 Jahren.)
  • Vor diesem Hintergrund heutzutage erneut für "Ökumene" zu plädieren, ist relativ nutzlos. Vielleicht wird das eine oder andere Konsenspapier unterzeichnet. Aber es bleibt Papier. Spannend würde es erst, wenn die Lebenseinstellungen und Traditionen der verschiedenen Stränge an dem gemessen würden, was in der Breite von Jesu Wirken noch erkannt werden kann.
Dass dann Hierarchie (bis hinauf zum Papst, mit implizierten
Unterwerfungen, Jurisdiktion, Dogmen), intellektualisierte
Fröhlichkeit, verquere Einstellung zum Lebensbereich Sexualität,
usw. noch Bestand hätten, sei bezweifelt. Darüber müssten
sich die Kirchenleitungen verständigen, d.h. viele ihrer
bisherigen Selbstverständlichkeiten = Präsuppositionen überwinden.
Es geht nicht nur um das Verständnis einiger Abstrakta, sondern
um die Zusammenführung verschiedener Lebensstile und - wenn
schon soziale Strukturen nötig erscheinen (Kirchen) - um akzeptable
Umgangsformen. -   Das allerdings zeigt die Aussichtslosigkeit
des Unterfangens.
  • Die Frage: Reicht nicht die "Einheit in der Verschiedenheit"? Wozu eine papierene, aber natürlich feierlich zelebrierte Ökumene ;-) ? Mindestens könnte man abstellen, beim Thema "Rechtfertigung des Sünders" sich ständig für die eigene Existenz zu rechtfertigen zu müssen. - Präsupposition: Es gibt genügend Elend = Wichtigeres in der Welt, an dem gearbeitet werden müsste. Derartige Nabelschauen müssen beendet werden.

Was folgt, wird mancher als "Unterstellung" bezeichnen. Aber das ist auch nur ein Wort für Präsupposition. Wichtig ist, dass die "Unterstellung" nicht "haltlos" ist. Aber argumentativ haben wir dem kräftig entgegengearbeitet. All das Vorgenannte im aktuellen Punkt mag erst mal widerlegt werden ... Bezugnehmend auf die Überschrift: All die Feierlichkeiten, die die Akzentuierung des Paulus übernehmen und verstärken, scheinen zwar die Figur Jesu ins Zentrum des Interesses zu rücken. Im Wortsinn tun sie es auch. Auf übertragener Ebene (= PRAGMATIK) wird Jesu Wirken (kürzelhaft: festgehalten in den Evangeliumstexten vor der Passionsgeschichte) für irrelevant, zumindest sekundär erklärt. Stattdessen wird ein Geschehen ins Zentrum gerückt, das bis auf wenige Ausnahmen wortlos von Seiten des Hauptakteurs abläuft/ablaufen muss. - Auch so kann man diesen Akteur feierlich zum Schweigen bringen. Die kirchliche Gemeinschaft gibt vor, sich an ihm zu orientieren, vermeidet aber, von ihm infrage gestellt zu werden. Kirchensysteme, wie wir sie seit langem kennen, hatte Jesus unter Garantie nicht als Ziel vor Augen. Auch heutige Interessierte werden mit der paulinischen Gewichtung zum Schweigen gebracht. Denn die überscharfe Betonung der Passion (trotz anschließender Auferweckung) weckt natürlich Gefühle der Empörung und des Mitleids. Damit sind Glaubenswillige gefühlsmäßig zunächst ausgelastet. Präsupponiert: Fragen wie die, ob kirchliche Systeme überhaupt geeignet sind, die jesuanische Einstellung zu Menschen, Leben, Gott zu repräsentieren, sind zurückgestellt, die Machtfrage erfolgreich vertagt. (HS)

8.3 Immer weniger gemeinsames Wissen

... also ist zunehmend Vorsicht geboten, was man beim Gesprächspartner als sicher bekannt annehmen darf. Vgl. [36]

9. Kontext von Weltanschauungen

9.1 Wissen - Nicht-Wissen - Geheimnis - Glauben

Sprachlich so geboten liegen Abstrakta vor, vgl. [37], die zudem alle auf das Modalregister EPISTEMOLOGIE verweisen, vgl. [38]. Nun, gegen Ende der PRAGMATIK, soll interessieren, welche "argumentativen Effekte" ins Spiel kommen können, wenn ein Sprecher mit diesen Abstrakta operiert.

  1. "Ich weiß, dass ich nichts weiß." - mit diesem Paradox, vgl. [39], wies Sokrates schon im 5. Jhd. v.Chr. darauf hin, dass menschliches Wissen grundsätzlich kümmerlich ist.
  2. Wichtig: Sokrates machte daraus keinen Glaubenssatz für andere! Sondern er beschrieb seine eigene Selbsterkenntnis.
  3. Es geht dabei um die 'existenziellen', sog. 'letzten Fragen'. Alle wissenschaftlich erforschbaren Welt- und Lebensbereiche erleben weiterhin große Fortschritte - deren Anworten bleiben trotzdem aber unabgeschlossen.
  4. Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften , vgl. [40], würden zusammenbrechen, übernähmen sie die Weisheit des Sokrates. Im Gegensatz zu ihm bauen sie ein Denksystem auf, das die einzig richtige "Wahrheit" darstelle.
    1. Da die Verlässlichkeit einer solchen Dogmatik nie nachgewiesen werden kann - wie kann man angesichts des Leids in der Welt behaupten, Gott sei gut, barmherzig, der Allerbarmer? - Religions- oder Ideologievertreter müssen folglich darauf bestehen - und sei es durch Drohungen und Zwangsmaßnahmen -, solche essentials seien zu "glauben", auch gegen den Augenschein, es handle sich eben um ein "Geheimnis".
    2. Präsupponiert ist mit solchem Verhalten: Wenn wir zugäben, dass Sokrates recht hatte, wird unsere Gemeinschaft zerstört, ihr womöglich "alleinseligmachender" Anspruch, wir würden unsere Machtposition in der Gesellschaft verlieren.
    3. Aus der Distanz betrachtet wirkt es ohnehin lächerlich, wenn es mehrere 'absolute Wahrheitssysteme' gibt. Wer wollte sich hierbei zum Entscheider aufschwingen - eine über-absolute Instanz?
  5. Anzustreben:
    1. Klar erkennen, wo das menschliche Wissen ausgeweitet werden kann.
    2. Sehen, wo die (vorläufigen) Wissensgrenzen, vielleicht auch der Bereich des Unwissbaren liegt.
  6. Den Fehler vermeiden, die Sokrates-Erkenntnis klammheimlich umzudrehen.
    1. Dadurch würde der Wissens-Begriff ausgehöhlt. Man kann nicht dem renommierten Philosophen applaudieren - denn es ist fraglos plausibel und für jeden selbst nachvollziehbar, was er sagt, dann aber - mit einem gewalttätigen aber doch - das Gegenteil praktizieren und für ein absolutes, konkurrenzloses Wahrheitssystem eintreten.
    2. Das Verständnis von "Glauben" als existenzielle Grunderfahrung, geistig-seelische Verankerung, ist eminent wichtig für jeden Einzelnen (hat so noch nichts mit irgendeiner Mitgliedschaft zu tun), ist aber nicht gleichbedeutend mit Lehrsätzen, die man lernen kann/sollte - unter Ausklammerung eigener Erfahrungen, eigener Biografie (das wusste im übrigen schon Luther).

9.2 Flüchtlinge und Christentum

Scharfe Satire auf die AfD - die rechtspopulistische Partei, zugleich Geißelung eines dumpfen, unreflektierten Bezugs auf das Neue Testament. [41]

9.3 Fraglose Wissensvoraussetzungen innerhalb der Religionsgemeinschaft

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

Was früher selbstverständlich war, muss es heute nicht mehr sein:

(73) "Am meisten wäre eine solche Kritik bis
heute nötig in der Frage, die Martin Luther
eindeutig, aber, wie mir scheint, nicht rich-
tig beantwortet hat: 'Kann ein Soldat im
seligen Stand sein?' Kann man so etwas ernst-
haft sagen bei dem Krieg vor Verdun, 1916,
oder angesichts der Materialschlachten an der
Somme, wo 200.000 Menschen in ein paar Tagen
starben - in seligem Stande? Für was eigent-
lich? - Also, in der Geschichte vollzieht sich
eine solche Brechung althergebrachter Wertun-
gen, dass das, was Luther vor 500 Jahren noch
klar zu sein schien, absolut nicht mehr klar
ist und in den Konsequenzen sich auch so nicht
mehr ausziehen lässt."
(...)

Falsches "angedichtet"? Antijüdische Präsuppositionen in Stein gemeißelt.

(299f) "Selbst die Pest im 14. Jahrhundert soll
durch Juden, die Säuglinge ermordet und in den
Brunnen geworfen haben, entstanden sein. Man
hat einfach Angst. In jede Seuche, in jeden
Schicksalsschlag, in jede politische Auseinan-
dersetzung hinein hat man jetzt in den Juden
in ihrem elitären Minderheitenstatus den Prü-
gelknaben. Dass Luther dem nicht widerstanden
hat, kann man im Rückblick sehr bedauern, doch
ob man es ihm gerechterweise historisch vorwer-
fen kann, wage ich zu bezweifeln. Er war da
nicht 'schlechter' oder 'schlimmer' als seine
theologischen Zeitgenossen in allen Lagern.
Er hat die Polemik gegen die Juden sprachmäch-
tiger und deshalb schädlicher ausgedrückt als
die allermeisten, aber im Ansatz nicht inhalt-
lich verschieden. Wenn er in die Marienkirche,
also in die Stadtkirche, ging, wo er täglich
predigte, hatte er, heute zum Denkmal erklärt,
die Judensau vor Augen, das Tier, das gerade
die Juden für unrein halten. Eben dieses Tier
wird ihnen als Ziehmutter vorgesetzt; an deren
Zitzen saugen sie und nähren sich im Gesetzes-
gehorsam. Solche Bilder sind für jeden Juden
skandalös, aber sie zieren just die Kirche, in
der Luther predigte. Das hat er nicht gemacht,
das hat er vorgefunden. Am Eingang gothischer
Kathedralen, zum Beispiel in Straßburg, finden
Sie eine Darstellung der törichten Jungfrauen
und der klugen Jungfrauen, gegenübergestellt
finden Sie vor allem den Stolz der Synagoge,
der Jungfrau Israel, mit gebrochenem Speer,
die Augen mit einer Binde umwickelt. Und daneben
die Gestalt der Kirche: Maria, die das Christentum
begründet. Das sind Genrebilder beim Betreten
einer christlichen Kathedrale - seit Jahrhun-
derten. Eine solche Entgegenstellung wird dem
Judentum nicht gerecht, gar keine Frage!"
(...)

Oberflächlicher Bezug zur Vergangenheit? - Präsuppositionen schwer zu überwinden:

(312) "...ein Satz, den Jesus in Matthäus 23,29-31
spricht: 'Ihr baut den Propheten Grabstätten und
sagt: wären wir gewesen in den Tagen unserer
Väter, wir wären nicht zu den Mördern der Pro-
pheten geworden. Damit beweist ihr doch nur,
dass ihr die Söhne der Prophetenmörder seid.'
Das soll heißen: 'Ihr steht in demselben Erbe,
ihr bedauert die Fehler der Vorzeit, um sie
genau so selber zu machen. Das gesamte Bedauern
des Früheren ist eine Manifestation der Schein-
heiligkeit. Ihr macht überhaupt nichts besser.
Ihr seid die Mörder der Propheten, jetzt und
hier. Genauso haben die Väter die Propheten-
mörder vor ihnen bedauert. Ihr tut beim Geden-
ken an das Vergangene immer so, wie wenn ihr
aus den Fehlern von früher gelernt hättet.
Das sagt ihr auch, und ihr steht wirklich da,
indem ihr die Fehler von früher verurteilt,
aber ihr kommt nie dahin zu begreifen, dass die
Themen von damals die Themen von heute sind und
dass in der Beantwortung der heutigen Themen
dieselben Fehler von euch wieder begangen
werden.'"

9.31 "Supranaturalismus"

Mit diesem veraltet klingenden Stichwort werden sich zwar allenfalls Theologen herumschlagen. Gemeint ist damit aber eine auch heute noch gängige Debatte bzw. Geistesverwirrung.

Angenommen in Texten wird - nach heutigen Maßstäben
= Präsuppositionen - "Unmögliches" berichtet,
z.B. dass einer über Wasser gewandelt sei, Tote er-
weckt habe, vor aller Augen in den Himmel aufgefahren
sei usw. -, dann sei dies eben doch so geschehen,
und zwar nicht aufgrund irdischer Gesetzmäßigkeiten,
sondern durch himmlisch-göttlichen Eingriff, eben
auf supranaturale Kräfte zurückgehend.

Die Debatte tobte schon zu Anfang des 19. Jhd. Vgl. [42], v.a. mit Schlusszitat von S.95.

Bemerkungen:

  • Überdimensional beherrscht die Debatte die Gleichung: Sprache = Wirklichkeit/reales Geschehen. Nur ganz selten blitzt auf, das, was in Texten geboten ist, könne Fiktion sein. Vereinzelt gibt es diesen Gedanken.
  • Motiv für die Gleichsetzung war die Angst: Wenn die physikalische Unmöglichkeit - z.B. der Sturmstillung - in der äußeren Welt zugestanden würde, könnten die 'heiligen' Texte der Flunkerei, der Unglaubwürdigkeit geziehen werden. Das zu verkündende Glaubenssystem bräche zusammen. Daher musste die Passung des Erzählten = des sprachlich Gebotenen, mit der real erfahrbaren Wirklichkeit gesichert und behauptet werden - und sei es mit lachhaften argumentativen Winkelzügen.
  • Sehr viel an gedanklicher Anstrengung - bis hin zur gehässigen Verunglimpfung - hätte vermieden werden können, wenn diese Gleichsetzung außer Kraft gestellt worden wäre: Texte entwickeln ihre eigene, geistige und auf ihre Weise wichtige Realität; das parallele Schielen auf das, was in der realen Welt möglich/unmöglich ist, hat zu entfallen, wenn damit erst die Texte beglaubigt werden sollen.
  • Ein Notieren, in welchen Zügen ein Text geltenden und problemlosen Präsuppositionen widerspricht, bleibt natürlich wichtig. Das ist ja unser aktueller Punkt. Die kommunikative Funktion solcher Widersprüche soll und muss erkannt werden: ein Autor muss mit dem Vorwissen seiner Adressaten rechnen. Was bezweckt er, wenn er sehenden Auges dem mit seinem Text widerspricht? Was liegt bei ihm vor: Frechheit, Dummheit - oder literarische Raffinesse?
  • Obwohl man sich ständig auf das "WORT" berief, fehlte ein überzeugtes Wissen vom eigenständigen Wert der sprachlichen Botschaft in ihrer textlich-literarischen Formung. Das schlägt bis in heutige Theologen-/Exegetenausbildung durch. Der dogmatisch-lutherische Begriff "WORT" verengte den Blick, ließ übersehen, blendete aus, was ein "TEXT" in seinem Fluss, bisweilen seiner raffinierten Gestaltung und seiner Bildhaftigkeit mit den Rezipienten macht.
  • Auch wenn "WORT" in übertragener Bedeutung gemeint war: diese Zusatzetappe wurde/wird vielfach nicht bewusst. "TEXT", bestehend aus vielen Wörtern, v.a. wenn sie kunstvoll angeordnet sind, stellt demgegenüber eine ungemein komplexe und dynamische Botschaft dar, der man mit dem Singular "WORT" nicht gerecht wird.
  • Nur selten kommt damals die Möglichkeit in die Debatte, was uns unmöglich erscheint, könne eine übertragene Bedeutung darstellen und eine Aussage zur inneren Einstellung der Hörer/Leser machen.
  • Die 'göttliche Welt' wird stattdessen platt wie ein Abbild, wenn auch ein höher(wertig)es, unserer erfahrbaren Wirklichkeit behandelt. Keinerlei Dekonstruktion - auch nicht bei der Figur "Gottes", vgl. [43] und [44] - wird vollzogen. All die Verstehenswiderstände (= in unserer Lebenswelt geltende Präsuppositionen passen nicht) werden zwar erkannt, dann aber hilflos verdrängt und nicht ausgewertet.
  • Herauskommt eine Wortbedeutung hoch zwei = extreme sprachliche Naivität: im himmlischen Bereich wird - wenn auch mit mehr Macht - agiert wie auf der Erde unten... = Supranaturalismus (heute noch vielfach in Gebrauch; es genügt, ein "Wort in den Tag" im Radio oder manche Predigt wahrzunehmen).

9.32 Wundererzählungen im Neuen Testament

... sind als literarische Produkte oft bewundernswert - wobei zu fragen ist, wie die - doch im wesentlichen wenig gebildeten - Autoren im Rahmen der Jüngerschaft Jesu

  • zu solchen Gestaltungen fähig waren - denn oft sind die Texte dicht, zielgerichtet und straff konzipiert -,
  • und bemerkenswert ist, wie die Autoren in der Lage gewesen waren, sich vom Standardtrend - wie in 9.31 [45] geschildert, auch für die damalige Zeit geltend - abzusetzen. Sie konnten also bewusst trennen zwischen dem, was sie sprachlich gestalteten, und dem, was draußen in der Welt überhaupt möglich war und unser aller Welt-/Erfahrungswissen darstellt.
  • Die Autoren von Wundererzählungen nahmen das Risiko auf sich, von nun an nicht mehr ernstgenommen, ja verspottet zu werden.
  • Andererseits waren die artikulierten "Unmöglichkeiten" (= "Wunder") ein Zwang, im jeweils restlichen Text einen attraktiven Gegenakzent zu setzen, der das "Wunder" wieder zum Mittel zum Zweck schrumpfen ließ, ihm Aufmerksamkeit entzog. Jener "Zweck" war die Botschaft, nicht etwa die physikalisch-medizinische Unmöglichkeit. Letztere war nur literarisches Hilfsmittel.
  • Nicht als generellen Deuteschlüssel für jedes Exemplar von Wundererzählungen, aber möglicherweise häufig geltend: In solchen Texten drückt sich Übermut aus, gemeinschaftsinterne Bestätigung, bisweilen bis zum Humor reichend: "Was ist doch dieser Mann, dem wir folgen, für ein vorbildlicher Menschenfreund!"
  • "Wunder" - so eingesetzt - spalten:
    • Für viele sind sie ein Grund, sich von der restlichen Botschaft abzuwenden - weil derartige Unmöglichkeiten ins Spiel kommen.
    • Andere verfallen unkritisch, dumpf und begeistert der Wörtlichkeit des Erzählten. Die Trennung: Sprache - Weltwissen ist kein Thema für sie.
    • Eine dritte Gruppe kann trennen und sieht nun auch, dass der Autor des Wunderberichts zwar eine ihm wichtige Botschaft weitertragen will, er zugleich aber auch mit der Sprache zu spielen versteht. Das kann auch - gemessen am Weltwissen - hemmungslose Überzeichnungen und Unmöglichkeiten einschließen. Sehr subtil gehen solche Texte nicht vor.

Wohl dem, der die ausgestalteten Überzeichnungen erkennen und so mitspielen kann.

Die Wundererzählungen wagen es also, in Konfrontation zum allgemeinen Weltwissen Aussagen zu machen - meist recht anschaulich, mit schönem Ausgang, aber damit auch entweder Ergriffenheit oder die - humorlose - Reaktion auslösend: "Was soll der Unsinn, das ist doch unmöglich?"

Literarisch/kommunikativ gesagt: Die Autoren solcher Texte stellen sich sehenden Auges gegen die geistige Standardausstattung ihrer Adressaten und schaffen so für ihren Text den größtmöglichen stilistischen Effekt = Aufmerksamkeit, Verblüffung - und kontroverse Debatten folgen zwangsläufig. Die Präsenz ihrer Texte in den Köpfen der Leser/Hörer ist damit gesichert. Es ist unwichtig, ob man sich bei den jeweils anschließenden Debatten geeinigt hatte: der stilistische Reiz und die anschauliche = ansprechende, und dann auch straffe Komposition wirken weiter.

Den Hinweis auf diesen Unterpunkt brachten wir auch in Wikipedia
"Wunder" unter - fand aber  keine Gnade. 
Wer zusätzlich religionshistorische, gattungs-
technische Hinweise zum Thema erhalten will, schlage seinerseits
dort nach: vgl. [46]