Diskussion:4.061 Neue sprachliche Einheit: der Satz

Aus Alternativ-Grammatik
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"Das bloße Vorbringen eines Begriffs wäre nichtssagend und beliebig", heißt es auf Seite eins, und der Autor bewegt sich dabei im Beispielfeld des Fußballsports. Doch was ist mit folgendem Fall: "Schwalbe!" Das ist nur ein Begriff, der jedoch heftige Debatten auslösen kann! Muss dann der einzelne Begriff "Schwalbe" erst zum Satz ernannt werden? Dieser Absatz der Theorie löste ein paar Fragen aus...

- Jurczyk

Ist "Schwalbe!" ein Satz? (Jurczyk)

Gute Anregung! - kann man hier zu den vermutbaren bzw. annehmbaren Sätzen ergänzen: "[Ihr Beitrag ist eine] gute Anregung!" "[Sie haben mir eine] gute Anregung [als Vorlage zu einer ... Erläuterung ... gegeben]!" - Nein, "Schwalbe!" ist ein syntaktisch unvollständiger (Hauptsatz). Und warum begnügen Sie sich (und ich mich mit Ihnen!) mit zwei Worten und nur e i n e m Satzglied(teil) - Prädikativ aus Attribut und Nomen bzw. Akkusativ-Objekt mit Adjektiv-Attribut? Weil Sie und ich und alle Sprecher in diesem Kontext den "Einwortsatz" : "Schwalbe!" vermutlich als mündlichen, gehörten Ausruf eines Fußballspielkommentators "versteht" (interpretiert), und zwar etwa so ergänzt zu einem vollständigen syntakt(o-log)ischen Gebilde: "[Das war eindeutig eine] Schwalbe!" Kaum jemand wird das (hier kontextlose) Wort mit Ausruf [Satzart-Hinweis!) "Schwalbe!" als Antwort auf eine vermutete Frage deuten wie "[Welches Tier möchtest du sein/ sehen/ jagen/ essen?"] ["Ich möchte eine] Schwalbe [sein/sehen/jagen/essen]!" oder als Antwort auf eine Frage im Quiz ["Wie lautet das Lösungswort?"] "[Das richtige Lösungswort lautet] Schwalbe!" Natürlich:logisch (er)sparen wir Sprecher uns und anderen unnütze Worte in e i n deutigen Situationen, in denen wir nicht fürchten müssen, missverstanden zu werden: ["Mein Name ist] Schwalbe!" wäre ein unwahrscheinlicher Fall von Fallenstellen mit isolierten, kontextamputierten Einzelwörtern. Ein Sportreporter kann übrigens nicht in sein Mikrofon brüllen: "Da hat der spanische Mittelstürmer eindeutig eine Schwalbe gemimt!" - ohne lächerlich zu wirken - wegen seiner "gestelzten", überhaupt nicht bodenständigen Sprache beim Fußballspiel.

Also: weiter so! "Einwortsätze" - stark verkürzte Haupt- oder Gliedsätze [ (hs) bzw. (gs) ] zu syntaktisch vollständigen Sätzen (deutend) verlängern - - wie hier möglich! ... Hiermit grüßt Sie der Satz-Autor ... J. Germann

Das Warum und das Wie

Achso. Da ich gerade zufällig den alten Grice für eine Prüfung wiederhole, kann ich mir auch selbst die Frage beantworten, wie denn ein Hörer dazu kommt, die Einwortsätze zu erweitern. Hier würde ja das Kooperationsprinzip, insbesondere die Maxime der Quantität, greifen. So geht der Hörer davon aus, dass es schon seinen Sinn und Zweck hat, wenn der Sprecher sich so kurz fasst, und macht sich auf die Suche nach der gemeinten Bedeutung. Dies würde also erklären, warum der Hörer mögliche Erweiterungen im Kopfe durchspielt. Aber was erklärt denn, wie der Hörer auf die richtige Erweiterung kommt und sich mit ihr zufrieden gibt? Die Frage geht zwar schon weit in die Pragmatik hinein, doch ihre Beantwortung sollte das vorgestellte Satzmodell untermauern. - W. Jurczyk, 1. Sept. 2009

Schwalbe! - Fehlanzeige?

Sicher kommt es immer auf den Rahmen an, in welchem man/jemand grammatisch oder grammatiko-logisch denkt, hört, liest oder spricht. Das Beispielwort "Schwalbe!" ist ohne Anführungszeichen nur ein Wort, lexikalisches Element, das aber auch mit einer bestimmten Absicht da hin geschrieben wurde (übrigens nicht von mir - der Einführungstext ist nicht mein Text). Um verständlich zu bleiben, brauchen auch Kommentare "Kontext", zum Beispiel hier: worauf zielt Ihre Frage? Das ist mir in Ihrem Kommentar nicht klar geworden. Mein "Satz"-Ansatz ist erklärterweise einer, der von drei Begriffsklassen ausgeht oder auf sie Bezug nimmt: 1) ein Satz als "Äußerungseinheit" ist im täglichen Gebrauch immer etwas, das von jemandem an jemanden gerichtet ist, 2) hat einen Sinn (im Zusammenahng mit Person, Situation, Absicht usw.) und ist 3) stets ein syntaktisches Gebilde, besteht aus Satzgliedern, die für den Bau des Gesamtsatzes oder Teilsatzes und für sein Verständnis erforderlich sind. Selten begegnet man "kontextlosen" Sätzen, die daher nicht eindeutig verstehbar sind oder absichtlich verkürzt oder verschlüsselt wurden. Sie gewinnen für uns keine Bedeutung, sie sind unbrauchbar und unnötig, können also vernachlässigt werden. Verstehe ich einen Satz in einem Text, in einem Telefonat nicht oder nicht genau oder im Gespräch falsch, so gibt es die bekannten Methoden, sich zu vergewissern oder heranzutasten. Dabei geht jeder von uns, wenn er verständlich sein oder verstehen will, mit den gleichen "Satz-Bau-Elementen und -Typen" um, die er so lange vergleicht mit bekannten und verstandenen Äußerungen, bis er sicher ist, das Richtige / Gemeinte zu kennen und zu verstehen. Daher nutzen so viele "Grammatik-Beispielsätze" als Kunstsätze so wenig, weil sie genau so hingedeichselt wurden, wie es dem Zweck des Autors entspricht - weshalb ich mich mit authentischen Sätzen aus (bekannten) Kontexten begnüge, die sich immer und stets vollständig als Sätze zu erkennen geben bzw. als Sätze oder Teile von (vollständigen) Sätzen analysieren lassen. Zwar verstehe ich zuweilen, warum kompliziertere Theorien und Begrifflichkeiten wissenschaftlich gefordert werden. Aber diese Modelle sind für den nutzbaren Spracherwerb und -gebrauch nicht erforderlich. Meine "Syntax"-Lehre dient nur der exakten Erfassung von Äußerungseinheiten und ihrer Bedeutungen als (kontextbestimmte) "Sätze" und ist für den täglichen Sprecher- und Schulgebrauch. Guten Start [ins Neue Jahr] wünscht Ihnen der Autor von 4.061 ("Syntax, Satzbautypen und Satzanalyse") - J. Germann, 26.12.2009

Terminologischer Brückenbau?

Zunächst, Gentlemen, meinen Glückwunsch! (Ist "meinen Glückwunsch" ein Satz?) Denn - falls ich nichts übersehen habe - Sie begannen die erste "Diskussion" in der Alternativ-Grammatik. Das freut mich. Ausgehend vom Fußballerbeispiel "Schwalbe!" versteh ich mich nicht als Schiedsrichter. Aber ich würde, den letzten Abschnitt von Herrn Germann aufgreifend, gern Querverbindungen ziehen. Damit sollen terminologische Missverständnisse umgangen werden. (1) "Syntax" (nach Germann) entspricht in hohem Maß der "Semantik" (nach Alternativ-Grammatik), entspricht jedenfalls nicht der "(Ausdrucks-)Syntax". Es geht nicht ums Rechthaben (das gibts in diesem Bereich nicht), sondern um Verständigung, damit man nicht aneinander vorbeiredet. (2) Ich vermisse bei den bisherigen Beiträgen eine Konzentration auf den "Kern": gleichgültig, wie aufgebläht ein Satz ist und wie genau der Redekontext aussieht, es geht zunächst nur um die Verbindung zweier selbstständiger Bedeutungen. Mehr besagte ID_4.061 nicht. Ist das nachvollziehbar? (3) Beide Beiträger gestanden ja zu, dass man sich bei Einwortäußerungen damit behilft, weitere Infos beizuziehen. Einverstanden. Das heißt aber auch - siehe Ziff. (2) - Sie haben ebenfalls das Bedürfnis, irgendwoher ne zweite Bedeutung zu beschaffen. Und nur darum geht es aktuell: krieg ich diese zweite Bedeutung aus der aktuellen Äusserungseinheit? Oder muss ich ausgreifen? Methodisch würde ich Letzteres auf die Pragmatik verlegen. Die kümmert sich um weitere Info-Quellen - literarischer Kontext oder situativer Ko-Text.

Gestern las ich zufällig bei Herta Müller (muss man derzeit ja lesen...): "Nur schwer, die Stühle, wenn man sie hebt oder wegschiebt". - Wie geht man damit um? Warum das erste Komma? Würde es fehlen, hätte man - wenigstens einen Nominalsatz. Mit Komma geht das aber nicht. Mein Vorschlag: Es liegen 4 Äusserungseinheiten vor:

  1. "Nur schwer,
  2. die Stühle,
  3. wenn man sie hebt
  4. oder wegschiebt."

Semantisch sind 1+2 aphrastisch. Weil nicht satzhaft, kann man auch nicht viel analysieren. In der Pragmatik dagegen bilden 1+2 dagegen eine Prädikation: 2 ist nachgestellter 1.Aktant zur 2.Bedeutung in 1. Mit so einer methodischen Zweiteilung hat man beides gewürdigt: Semantisch stellt man zunächst das Nicht-Satzhafte heraus, pragmatisch wird die letztlich doch fassbare Prädikation - aber nur über Kontextbeachtung - sichtbar gemacht. - Nachvollziehbar? Gutes Neues!- H. Schweizer, 31.12.09